Udo Jesionek, Präsident des Jugendgerichtshofs Wien: Durch Erfolg bei Resozialisierung motiviert

17. April 2002, 18:51
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Wenn Udo Jesionek durch die Stadt flaniert, dann passiert es schon mal, dass ihm jemand auf die Schulter tippt und fragt: "Herr Präsident, erinnern Sie sich noch an mich? Ich war einmal bei Ihnen." "Bei Ihnen" bedeutet in dem Fall: im Jugendgerichtshof Wien. Und der soll, so ließ es ihn der Justizminister per Fax wissen, zugesperrt werden.

Was Jesionek, der mit Jahresende in Pension geht, auch egal sein könnte, aber nicht ist, sieht der engagierte Jurist doch damit sein "Lebenswerk, an dem ich mit dem Herzen hänge" bedroht. "Ich kann es noch immer nicht fassen. Das Soziale ist total in den Hintergrund getreten, nur noch das Ökonomische zählt", klagt er.

Tröstlich seien Episoden wie ein Anruf eines Exhäftlings diese Woche, der seinen Häf'n-Präsidenten zum Essen in sein eigenes Lokal einladen wollte. Durch solche Resozialisierungsbiografien sieht sich Jesionek, der sich selbst ein Quäntchen "Sendungsbewusstsein" zuschreibt, bestätigt: "Es stimmt nicht, dass man nichts tun kann."

Getan hat der 65-jährige Wiener, durch "reinen Zufall" auf einer Reise seiner Eltern in Berlin geboren, vor seiner Richterlaufbahn etwas ganz anderes. Nach der Mittelschule lernte er Werkzeugmacher. Schon damals war er von der "Faszination" zur Rechtswissenschaft gepackt. Als Werkstudent mit Begabtenstipendium ausgestattet, studierte er also Jus.

Eines war für ihn immer klar, er wollte "lieber Richter als Rechtsanwalt werden. Als Richter muss man versuchen, die Wahrheit zu finden." Vor allem die Wahrheit hinter Straftaten von Jugendlichen interessierte den "politischen Menschen". Dementsprechend absolvierte er 1962 seine Gerichtspraxis im Jugendrecht, es folgten zwanzig Richterjahre von Bezirks- bis Landesgerichtsebene. 1982 wurde er Präsident des Jugendgerichtshofes Wien.

"Jeder Angeklagte, der heute zu mir kommt, wurde erst geboren, als ich Präsident wurde", schmunzelt der Vater von Fernsehmoderator Reinhard Jesionek beim Geständnis, er habe als leidenschaftlicher Leser "alle vier Harry-Potter-Bände" verschlungen. Zurzeit liest er "Der Auserwählte" von Thomas Mann. Zum Freizeitprogramm mit seiner zweiten Frau, einer Richterin für Kartellrecht, gehören "Reisen, aber nur kurze" (Lieblingsziel: Salzkammergut) und wöchentliche Opern-, Konzert- und Theaterbesuche. Akuttherapie - "weil ich mich so geärgert habe" - nach den Zusperrplänen für sein Haus war "Ein Sommernachtstraum".

Den Ruhestand gedenkt der umtriebige Gerichtspräsident ganz und gar nicht ruhig zu genießen: "Ich werde sicher nicht aufhören" - als Professor für Jugendstrafrecht an der Uni Linz, als Präsident des Verbrechenshilfevereins "Weißer Ring" oder der Häftlingsfürsorge "Das Ziel". (DER STANDARD, Print- Ausgabe, 18. 4.2002)

Lisa Nimmervoll
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