Stehender Sturmlauf und Flucht der Zeit

28. März 2002, 19:01
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Ästhetische Negativität - zum Problem des literarischen und philosophischen Nihilismus

Das Bild stammt von Franz Kafka. Der stehende Sturmlauf. Was heißt das? Angesichts der Beschleunigung der Zeit, der wir mit zunehmendem Alter und wachsender Veränderung ausgesetzt sind, verflüchtigt sich auch die Gegenwart rascher. Was wie Fortschreiten aussieht, bleibt stehen.

Die im neuesten Buch des Herausgebers der Zeitschrift Merkur vertretene These könnte man daher so formulieren: Die ästhetische Negativität bezeichnet ein Zeiterlebnis, wonach das Jetzt immer schon vorüber ist, bevor es sich in der Gegenwart noch behaupten kann.

Dadurch wird auch, beflügelt durch die Ereignisse des 11. September 2001, eine Vorstellung entwickelt, die vom Sterben des jeweiligen Augenblicks ausgeht, bevor man ihn noch richtig erfasst hätte. Der Literaturwissenschafter Bohrer zeigt dies vor allem anhand zweier Schriftsteller: Giacomo Leopardi und Franz Kafka. Beide hätten statt auf die Zukunft auf Vergänglichkeit gesetzt, "die die Melancholie der Erfüllung vorzieht, die Trauer ohne Grund dem Optimismus". Wird damit die positive Erkenntnis der Philosophie infrage gestellt? Behalten die poetischen Propheten gerade nach dem 11. September Recht? Wir sind zurück bei den Kategorien von Gut und Böse, von Schwur und Rache?

Fast sieht es aus, wenn man die weltweite Kraft der Bush-Politik in Rechnung stellt. Aber wie heißt Bohrers letztes Kapitel? Wo keine Illusion ist, kann es keine Desillusionierung geben. Bohrer warnt vor "der Besänftigung unserer Sehnsuchtsbewegung nach Glück". Also brauchen wir die Negativität zum Begreifen der Wirklichkeit? Angesichts der täglichen Ereignisse scheint es fast so zu sein. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29. 3. 2002)

Karl Heinz Bohrer: Ästhetische Negativität. Zum Problem des literarischen und philosophischen Nihilismus.
C. Hanser, Wien 2002 422 Seiten, 25 Euro

Von Gerfried Sperl
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