"Ghost World": Leben in der Endlosschleife

28. Juli 2004, 12:29
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Terry Zwigoffs Teen-Drama Spielarten von Coolheit

Wien - Die Highschool liegt hinter ihnen, vor ihnen ein Leben, von dem sie sich nicht allzu viel erwarten. Enid und Rebecca, "the little Jewish girl and her Aryan friend", haben schlicht auf gar nichts Lust, sie wollen sich bloß von der Mehrheit absetzen. Die beiden sind Außenseiter, cool aus Überzeugung: Für ihre Altersgenossen haben sie nur Hohn übrig, für das College sind sie zu wenig ehrgeizig, für die Eingliederung in ein reglementiertes Berufsleben zu wenig flexibel.

Ihr urbaner Lebensraum, eine schier endlose Konsumwüste, beschert den Teenagern nur ein begrenztes Maß an Angeboten: Durch Shoppingmalls, Fifties-Retro-Diners und Coffeeshops flanierend suchen sie nach exzentrischen Abweichungen, studieren allerhand "weirdos", also nur begrenzt sozial kompatible Minderheiten - ein Satanisten(ehe)paar oder einen alten Mann, der tagein, tagaus an einer aufgelassenen Haltestelle auf einen Bus wartet. Die Monokultur der gegenwärtigen USA, in Terry Zwigoffs Komödie ist sie eine poetisch gebrochene Ghost World.

Foto: Filmladen

Schon in seinem Dokumentarfilm Crumb über den gleichnamigen US-Cartoonisten legte Zwigoff über Comics ein Stück Gegenkultur frei. Ausgangspunkt für seinen ersten Spielfilm ist nun eine "graphic novel" von Daniel Clowes, dem Underground-Star dieses Fachs. Ghost World übersetzt nicht nur auf souveräne Weise den lapidaren, stets leicht schwermütigen Blick der Vorlage auf die Orientierungslosigkeit der US-Jugend - ein weiteres Werk Clowes' trägt den bezeichnenden Titel David Boring.

Foto: Filmladen

Zwigoff hat das Skizzenhafte des Buches auch ausgeweitet zum Drama einer Identitätssuche, die reduzierte Popästhetik dabei beibehalten und in satte Farbtöne getaucht. Vielleicht manifestiert sich in Ghost World, mehr als in jeder anderen jüngeren Teenagerkomödie, die Wahrhaftigkeit gerade dadurch, weil diese ganz aus Posen besteht - die oft aus der Distanz, in lyrische Tableaus eingerahmt, aufgenommen werden.

McJob und Ennui

Auf jeden Fall verdankt sie sich den Darstellerinnen - Thora Birchs (American Beauty) schnippischer, abgeklärter Enid, die sich über ihr Outfit ständig neu erfindet; und Scarlett Johanssons Rebecca, die ihr verschlepptes Rebellentum allmählich in eine Normalität - mit McJob und eigener Wohnung - überführen will.

Foto: Filmladen

Dieses Vorhaben führt zum Konflikt zwischen den Freundinnen, der durch Enids Begeisterung für einen Dritten, Seymour (Steve Buscemi), einen Sonderling mit Faible für rare Schellackplatten, die auch den ungewöhnlichen Blues-Soundtrack bestimmen, noch weiter genährt wird. Seymours Sammlerleidenschaft für alle Arten von Americana ist nicht nur eine rührende Obsession:

Sie verweist auf das Anliegen Zwigoffs, gerade im Feld der Populärkultur die bedeutsamen kulturellen Zeichen seines Landes zu orten und ihnen zugleich seine Reverenz zu erweisen - was umso deutlicher wird, wenn Enids Kunst-Sommerkurse als Gelegenheit wahrgenommen werden, über die hohlen Phrasen der Hochkultur beziehungsweise des Kunstbetriebs zu spotten.

Foto: Filmladen
(Kunst-) Mentorin Ileana Douglas (re.)

Dennoch stellt Seymour kein Modell für Enid dar, er ist viel zu sehr nostalgischer Archivar (und übrigens ein Alter Ego Zwigoffs). Enid (und ihre Generation) hingegen versucht, die alten Codes in neue Kontexte zu überführen, um daraus letztlich einen individuellen Ausdruck, ja einen Ausweg aus der nihilistischen Verweigerung zu finden. Der Bus, der sie am Ende fortbringt, mag insofern wie aus einer fernen Vergangenheit wirken, aber er fährt mit Sicherheit in die Zukunft.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28. 3. 2002)

Foto: Filmladen
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