Devise: Nur keine Fehler machen

26. März 2002, 21:10
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Universitätsseelsorger Helmut Schüller

Helmut Schüller, 1999 als Generalvikar der Erzdiözese Wien abgelöst, seither Universitätsseelsorger in Wien, dazu Pfarrer im niederösterreichischen Probstdorf und Leiter der Ombudsstelle für Opfer sexuellen Missbrauchs durch Mitarbeiter der Kirche, will nicht von einer Kirchenkrise sprechen, "weil der Hauptteil der Kirche, das Volk der Gläubigen, ziemlich unverdrossen und erstaunlich aktiv ist".

Aber er macht sich ernsthaft Sorgen über das öffentliche Wirken seiner Kirche: "Wir sind drauf und dran, in vielen Fragen des Lebens, Vertrauen und Kompetenz einzubüßen." Als Ursachen der Probleme sieht er viele Faktoren, die die Kirche aus dem Lot gebracht haben: "Plötzlich ist aus der sicheren Position der Kirche eine ziemlich ungeschützte geworden. Und das lässt die Leute in ganz verschiedene Lösungsecken schreckhaft auseinander rennen: erstens zurück zur glorreichen Zeit, als auf einen Wink der Hierarchie hin alles noch in Reih und Glied dagestanden, marschiert und gekniet ist."

Zweitens herrsche Anpassung vor: "An das, was gerade gefragt ist: eine möglichst zeitgeistfreundliche Kirche, die mit allen Meinungsschwankungen mitschwankt, und dann drittens der Weg in die Innerlichkeit, der natürlich insgesamt sicher richtig ist, aber als Exklusivmodell unbrauchbar. Die biblische Tradition und die Tradition der Kirche war immer diese spannende Balance zwischen Innerlichkeit und Engagement. Die Innerlichkeit wird das Engagement nie ersetzen und umgekehrt."

Der Gesellschaft, so Schüller, bringt die Kirche durch ihr Engagement auf mehreren Gebieten Unersetzliches: "Das eine ist das große Hoffnungspotential des Evangeliums. Das ist von einer Aktualität, die in keiner Weise geschmälert ist, nicht, was die große Sinnsuche der Menschen anlangt, das Wissen um die Geborgenheit im Glauben und in Gott und erst recht die Ausrichtung des Lebens nach den großen sozialen Grundsätzen und Grundgeboten. Das Zweite: Die Kirche ist ein Netzwerk, das man erfinden müsste, wenn es nicht ohnehin existierte."

Außerdem habe die Kirche eine Anwaltsrolle: " Sie steht außerhalb des Parteienstreites, sie steht außerhalb des demokratischen Konkurrenzkampfes, und sie könnte daher mit größerer Entschiedenheit die Grundwerte und die weltweiten Gerechtigkeit einmahnen. Könnte - weil sie es viel zu wenig tut."

Als Anwalt in sozialen Fragen habe die Kirche noch Gewicht, weniger als "moralische Instanz": "Da haben wir zu viel verspielt, man hat die Menschen zu lange mit einer kleinlichen Gewissens- und Beichterziehung gequält, die auch in ihren Maßstäben oft nicht mehr glaubwürdig war." (DER STANDARD, Print- Ausgabe, 27. 3. 2002)

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