Feierlichkeit als Attraktivität

25. März 2002, 20:50
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Abt Gregor Henckel-Donnersmarck über die Männerorden

Sollte Christoph Schönborn in nächster Zeit nach Rom gerufen werden, wäre er ein Favorit für die Nachfolge als Wiener Erzbischof: Gregor Henckel-Donnersmarck, Abt der Zisterzienserabtei Heiligenkreuz im Wienerwald. Er verweist im Blick auf den Nachwuchsmangel vieler Orden auf das Konzilsdokument "Perfectae caritatis": "Mir ist die Rückbesinnung auf die eigenen Quellen und Wurzeln wichtig, das Gründungscharisma neu zu entdecken und ins Heute zu transponieren."

Was ist das wichtigste Motiv für einen Ordenseintritt? "Die jeweils individuell verschiedene Vertiefung des Glaubens und der Christusbeziehung." Interessant sei, dass alte Orden derzeit mehr Berufungen haben als jene Orden, die etwa im 19. Jahrhundert mit sehr konkreter Zielsetzung - Mission, Spitäler, Schulen, soziale Aufgaben - gegründet wurden.

Der Abt betont, dass Heiligenkreuz die Liturgiereform des Konzils voll bejaht, aber zugleich die lateinische Sprache und den gregorianischen Choral weiter pflegt und gerade durch die feierliche Liturgie Nachwuchs anzieht. Mit 60 Mönchen, davon 49 bereits mit ewigen Gelübden, steht Heiligenkreuz relativ gut da.

Immer mehr Mönche stammen aus dem Ausland, einer hat aus Südafrika über das Internet den Weg nach Heiligenkreuz gefunden. "Wehe uns, wenn wir fremdenfeindlich wären. Zuerst haben uns Juden, dann iroschottische Mönche missioniert, und als der Glaube schwach wurde, kamen spanische Jesuiten."

Eine Tochtergründung von Heiligenkreuz in Stiepel in Deutschland trägt Früchte und veranlasst den Abt zu der Aussage: "Wenn eine klösterliche Gemeinschaft Berufungsschwierigkeiten hat, soll sie ein Wagnis eingehen, das kann zum Beispiel eine Neugründung sein." Im Stift leben auch drei Gäste aus Sri Lanka.

Henckel-Donnersmarck, früher Leiter der Päpstlichen Missionswerke in Österreich, hat gute weltkirchliche Kontakte und unterstützt einen Bischof in Sri Lanka, der in seiner Diözese ein kontemplatives Kloster errichten will - als katholisches Gegenstück zu den in dieser Region Hindus und Buddhisten vorbehaltenen Meditationszentren.

Die Krise der Kirche sieht der Abt durch eine Krise der gesamten modernen Gesellschaft ausgelöst, "die sich mit Materialismus, Liberalismus und Konsumismus zugestopft hat". Der Umgang mit Freiheit und Wohlstand sei noch nicht bewältigt: "Der Homo sapiens hat Jahrtausende gebraucht, um den aufrechten Gang zu lernen. Aber es besteht die Gefahr, dass er die Freiheit nicht sinnvoll verwendet." (DER STANDARD, Print- Ausgabe, 25. 3. 2002)

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