Vom Vorteil, außerhalb des Zentrums zu stehen

22. März 2002, 20:32
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Der neue, großartige Roman von José Saramago

Wenn ein relativ viel lesender Mensch ganz beglückt zu sich sagt, das ist eines der schönsten Bücher, die ich je gelesen habe, dann - insbesondere, wenn er dieses Buch rezensiert - wird er sich fragen müssen, warum das so ist. Momentane Begeisterung ist wunderbar, aber nichts ist angenehmer, als diesem Gefühl durch Begründung auch Dauer zu verleihen. Wieder einmal ist es - wie so oft bei José Saramago - eine dieser im Grunde ganz alltäglich beginnenden Geschichten, die in eine schicksalhafte Herausforderung münden. Diese beginnt damit, dass Cipriano Algor, "er ist Töpfer von Beruf und vierundsechzig Jahre alt, obgleich er nicht so alt wirkt", mit einem klapprigen Kleinlastwagen ins Zentrum fährt. "Der Mann, der neben ihm sitzt, ist sein Schwiegersohn, er heißt Marcal Gacho" und ist Zweiter Wachmann im Zentrum, wohin der Schwiegervater in regelmäßigen Abständen auch sein Tongeschirr liefert. Wir erfahren, dass die Tochter, respektive Frau, Marta, auf die Rückkehr ihres Vaters ins Dorf wartet, während ihr Mann erst wieder in zehn Tagen kommen wird. Er hat Dienst im Turnus. Marta ist schwanger, aber sie weiß es noch nicht. Wir wissen es, weil es uns der allmächtige Erzähler verrät. Denn er erzählt uns nicht nur in einfachen Worten, was wir sehen könnten, wenn wir wachen Auges etwa in der Fahrerkabine mit den beiden Männern unterwegs wären, sondern er weist uns auch darauf hin, was sich vor diesem äußeren Blick verbirgt, angefangen bei den Feldfrüchten, die im Inneren der grauen Plastikröhren zu beiden Seiten der Straße wachsen bis zu den Gefühlen von Vater, Tochter und Schwiegersohn zu einander. Das Ungewöhnliche daran ist die Klarheit der Unterscheidung, dass er uns genau zu verstehen gibt, wo Sehen an Wissen grenzt und Wissen an Mutmaßung und - schließlich - wo Mutmaßungen übergehen in (wenn man so will) erkenntnistheoretische Digressionen, so zum Beispiel das Denken des Töpfers mit den Fingern.

Zurück zur Geschichte: Cipriano Algor verliert seinen übermächtigen, mit Exklusivrechten ausgestatteten Auftraggeber, das Zentrum; Marcal Gacho hingegen steigt auf zum Ersten Wachmann mit Anrecht auf eine Dienstwohnung im Zentrum; Marta, die werdende Mutter, nun weiß sie es schon, überzeugt den verwitweten Vater von der Notwendigkeit, mit in diese Dienstwohnung zu ziehen. Wie das Leben eben so spielen kann: Verlust und Gewinn. Aber was ist der Verlust, was der Gewinn? Da der Moloch von Zentrum, der, selbst eine Stadt in einer immer weiter ausufernden Großstadt, in allen Dimensionen (auch in die Tiefe!) wächst und wuchert; dort der kläglich scheiternde Versuch von Vater und Tochter mit der Produktion nunmehr von, sagen wir einmal, Nippesfiguren einen neuen Auftrag vom Zentrum zu erhalten und damit auch das Leben am Rande des Dorfes, im Dreieck von Haus, altem Brennofen und Maulbeerbaum. Es sind natürlich Nippesfiguren, aber in dieser archaischen Manufaktur geht es darum, aus Ton Leben zu schaffen, mit dem glühenden Hauch das Material zu verwandeln; und auf diesem Umweg, mit der Erschaffung des Menschenbildes, dem Vater und der Tochter wieder neue Hoffnung einzuhauchen. Und dazu diese fast diskret am Rande mitgeteilten Details, dass der alte Cipriano die misslungenen Kreaturen aufbewahrt, als wären sie ihm mehr wert als die perfekten, die für den Verkauf bestimmten. Aber kein Kommentar, auch nicht vom allmächtigen Erzähler.

Tief im Hintergrund spüren wir die alten Mythen: Moloch oder Golem; und dahinter die Frage: Opfer oder Schöpfer. Aber Saramago, dieser erzählerische Magier und selbst Landarbeitersohn aus dem Ribatejo, erzählt uns die Geschichte, die uns manchmal kafkaesk erscheinen mag, weil wir Kafka gelesen haben, er erzählt sie uns - ganz ohne Kafka! - wie sie uns vielleicht ein Voltaire oder eher noch ein Diderot heute erzählen würde. Wie Diderot etwa in Jacques der Fatalist und sein Herr spielt auch Saramago in Das Zentrum mit den Lesern, zwingt sie lächelnd über den Gefühlen die Klarheit des Denkens nicht zu verlieren, decouvriert sich als allmächtiger Erzähler, um uns zu bedeuten, dass auch er nicht allwissend ist, dass auch er keine Lösungen bieten kann, sondern im Grunde "nur" Fragen und Haltungen dazu, kurz: ein Plädoyer für die Eigenständigkeit und Selbstbestimmung.

Fast märchenhaft endet der Roman, fast nur: Cipriano Algor, der Fatalist, verliert zwar so gut wie alles, was er gehabt hat, aber gewinnt mehr als er sich zu träumen gewagt oder zugestanden hat: Zuneigung und Liebe. Und dann verschwinden vier Personen und ein Hund aus unserem Blickfeld, verlassen uns und lassen uns mit uns selbst zurück; - und mit den Nachbildern der schönsten und unsentimentalsten Geschichte seit Diderot. Wer diesen Roman nicht liest, ist selber schuld. (Diesen Satz sollte man vielleicht besser streichen; er ist zu abgedroschen für diese wundersame Reise nach der Lösung der Frage, ob wir uns von Macht und Kontrolle Halt gebieten lassen oder Halt finden bei uns selbst und jenen, die uns wirklich wert sind.

José Saramago, Das Zentrum. Deutsch von Marianne Gareis. EURO 23,60/ 448 Seiten. Rowohlt, Reinbeck 2002.
(Von Martin Adel - DER STANDARD, Album, 23.03.2002)

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