Malaysia schwingt die Al-Qa'ida-Keule

21. März 2002, 10:34
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Die Opposition wirft der Regierung vor, sie systematich mit den "Ereignissen des 11. September" in Verbindung zu bringen

Kuala Lumpur/Wien - Das Staatsfernsehen hat noch einmal tief in die Mottenkiste gegriffen: 40 Sekunden blutigen Sturm auf die Muslimenschule des Ibrahim Libya vom November 1985 zeigte es eine Woche lang, bis Malaysias oberste islamische Instanz, der Nationale Fatwa-Rat, den Umgang mit den Leichen gläubiger Muslime monierte und die Regierung die Ausstrahlung rasch absetzte.

"Sie versuchen uns ein extremistisches, militantes Image zu verpassen", erklärt Nasharudin Mat Isa, der Generalsekretär der "Islamischen Partei Malaysias" (PAS), später in der Lobby des Parlaments in Kuala Lumpur, wo die Ibrahim-Libya-Affäre wieder einen Vormittag lang debattiert wurde. Die größte Oppositionspartei des Landes werde systematisch mit den "Ereignissen des 11. September" in Verbindung gebracht, klagt der jugendlich wirkende Generalsekretär in Anzug und Krawatte. Isa hatte bereits erfolgreich der renommierten britischen Militärrevue Jane's mit einer Klage gedroht, sollte sie ihre Behauptung nicht widerrufen, Malaysias konservative PAS-Partei habe Kontakte zu Al-Qa'ida. Jane's entschuldigte sich, die Partei sammelt derweil für den "Djihad" in Afghanistan.

Doch die Regierung zeigt die Bilder des nie ganz aufgeklärten Polizeieinsatzes gegen den mutmaßlichen Extremisten Ibrahim Libya, ein PAS-Mitglied, weil die neuen Verhafteten aus Malaysias Terrorszene offenbar unsichtbar bleiben sollen. Es ist ein Stückwerk, das je nach Auslegung die Umrisse eines Terrornetzes von den Philippinen bis nach Indonesien zeigt und dessen Spur in die Zeit vor den Anschlägen in den USA reicht.

So waren zwei der Flugzeugentführer des 11. September - die Saudis Khalid al-Midhar und Nawaf al-Hazmi - im Jahr 2000 bei einem Treffen mit einem Vertrauten Osama Bin Ladens in Kuala Lumpur gefilmt worden. Im August 2001 ließ Malaysias Polizei mit der Verhaftung von zehn Mitgliedern der bis dahin unbekannten Kumpulan Mujahideen Malaysia (KMM) aufhorchen. Wenige Tage nach den ersten Festnahmen steckte die Polizei auch Nik Adli, den Sohn eines PAS-Regierungschefs, ins Gefängnis - die PAS regiert die Provinzen Kelantan und Terengganu.


Haft ohne Anklage

Adli soll der Führer der KMM sein, die einen islamischen Umsturz plante und deren Mitglieder angeblich zum Teil in Afghanistan ausgebildet wurden. Doch offizielle Beweise fehlen, die Festnahmen erfolgten alle unter Berufung auf den Internal Security Act (ISA), der Inhaftierungen zunächst auf zwei Jahre ohne Anklage erlaubt. PAS-Generalsekretär Isa hält deshalb die Existenz einer KMM für fragwürdig, ebenso wie die Verbindungen zu dem angeblichen Jemaah-Islamiyah-Führer Abu Bakar Ba'asyir nach Indonesien.

Malaysias Außenminister Syed Hamid Albar verteidigte in einem Gespräch mit dem STANDARD den Internal Security Act. Denn 13 weitere KMM-Mitglieder, die angeblich an der Operation "Jibril" beteiligt gewesen sind, einen für den 4. Dezember 2001 geplanten zeitgleichen Bombenanschlag auf die US-Botschaften in Singapur, Kuala Lumpur und Jakarta, waren Mitte Februar ebenfalls unter Berufung auf den ISA festgenommen worden. Die Regierung habe dank geeigneter gesetzlicher Bestimmungen die Sicherheitslage unter Kontrolle, versicherte der Minister, es gebe keine Al-Qa'ida-Zellen im Land. Malaysias Regierung wolle sich nun aber auf den Kampf gegen die "Wurzeln des Terrorismus" konzentrieren. Syed Hamid nannte wirtschaftliche Ungleichheit, aber auch Israels Vorgehen gegen die Palästinenser. Anfang April lädt Malaysia deshalb die Außenminister der 55 Staaten der Islamischen Konferenz-Organisation (OIC) zu einem Antiterrorgipfel.

Einen Gewinner haben die vergangenen Monate: Premier Mohamad Mahathir, mit 21 Jahren Asiens längstamtierender Regierungschef. "Dr. M", wie er im Land genannt wird, von den USA lange geächtet wegen der Inhaftierung seines Vizes Anwar Ibrahim, stellt sich nun mehr denn je als Garant eines modernen und gemäßigten Islam dar und schart die chinesische und indische Minderheit für die Wahl 2004 hinter sich.(Der STANDARD, Printausgabe 21.3.2002)

Mit einer Serie von Festnahmen angeblicher Al-Qa'ida-Anhänger hat Malaysia von sich reden gemacht und die Spekulationen über ein Terrornetz in Südostasien genährt. Offizielle Beweise stehen aus, doch das innenpolitische Kalkül im muslimischen Land mit großer chinesischer und indischer Minderheit geht auf.
Von Markus Bernath
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