USA: Glaubenskriege in der Irak-Frage

15. März 2002, 20:50
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Was tun gegen Saddam? In der US-Administration gibt es verschiedene Auffassungen - Eine Analyse

Washington/Wien - Wenn derzeit in Washington vom Irak die Rede ist, dann ist die Zeit für Abrechnungen gekommen. Schon im Oktober 2001 hatte der einflussreiche Sicherheitsdenker Richard Perle in der Onlineausgabe des "Public Brodcasting Service" die Verantwortlichen identifiziert, die seit 1991 "die Architekten einer verfehlten Irak- Politik" seien: das Außenministerium und die CIA.

Perle ist nicht irgendwer. Als Leiter des "Defence Advisory Board" steht er einem Think-Tank im Pentagon vor, der sich speziell mit Anti- Saddam-Szenarien befasst und bei Präsident Bush großen Einfluss genießen soll. Perle, der schon unter Reagan stellvertretender Verteidigungsminister war, gilt als ein führender Vertreter jenes Flügels, für den sich nach dem 11. September ein Window of Opportunity geöffnet hat: Das sollte schleunigst genutzt werden, um mit dem Regime in Bagdad ein für alle Mal Schluss zu machen. Zartgefühl gegenüber den europäischen Nato- Verbündeten spielt in Perles Kalkulationen eine untergeordnete Rolle. Weitere Exponenten der Linie "hart und schnell gegen Saddam" sind Paul Wolfowitz, der Staatssekretär im Verteidigungsministerium und William Luti, der als stellvertretender Staatssekretär im Pentagon für den Nahen Osten zuständig ist.

Bereitschaft zum Limit

Die Gegenspieler, die eine gemächlichere Gangart bevorzugen, sind vor allem Außenminister Colin Powell und dessen Stellvertreter Richard Armitage. Dabei ist die Ansicht, dass Saddam endgültig aus dem Sattel gehoben gehört, weithin konsensfähig und kein Gegenstand parteilichen Zwists. Auch ein Demokrat wie Al Gore meinte etwa vor kurzem, Amerika dürfe sich in dieser Angelegenheit kein Versagen leisten und müsse "bereit sein, bis zum Limit zu gehen".

Der Modus operandi, wie die Saddam-Gefahr gebannt werden soll, ist seit Monaten bitter umstritten. Einschätzungsunterschiede treten auf, wenn es um mutmaßliche Reaktionen des irakischen Militärs auf einen Angriff geht oder um Post-Saddam-Szenarien für den Irak. Perle warf etwa in oben zitiertem Interview State Department und CIA vor, zu Unrecht nicht auf den Irakischen Nationalkongress als politische Alternative zu setzen. Sicherheitberaterin Condoleezza Rice, die als Schiedsrichterin in solchen Zwistigkeiten auftreten müsste, hat offenbar nicht ausreichend Standing, um die Streithähne zu versöhnen.

Wie gereizt die Stimmung zwischen den "Agencies" ist, hat unlängst der altgediente Enthüllungsjournalist Seymour Hersh im New Yorker plastisch geschildert. Der Ton zwischen Pentagon und State Department sei häufig "persönlich". Hersh zitiert einen Mitarbeiter von Armitage, der meint, im Pentagon seien wieder "die Narren von Rechtsaußen" Werk. Umgekehrt würden Mitarbeiter des Pentagon dem Außenamt vorwerfen, dass es sich ihnen gegenüber einer "unglaublich ätzenden Redeweise" befleißige.
(DER STANDARD, Printausgabe, 16.3.2002)

von Christoph Winder
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