Auf und Ab nach dem 11. September

10. März 2002, 20:24
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Schwieriger "Dialog der Kulturen"

Teheran/Wien - Der strahlende Held, als der er 1997 gegen den Vertreter des Establishments, Parlamentspräsident Nategh Nouri, mit überraschenden 70 Prozent die Präsidentenwahlen gewonnen hatte, ist Mohammed Khatami heute nicht mehr. Als er im Mai 2001 seine Kandidatur für eine zweite Amtszeit öffentlich machte, brach er in Tränen aus, ein äußerst angespannter Mann am Rande der Erschöpfung.

Nicht nur die Konservativen, die in Khatamis Kurs eine Abweichung vom Weg der Islamischen Revolution sehen, machen ihm das Leben schwer, er hat auch mit der Enttäuschung der Iraner und Iranerinnen zu kämpfen, die sich zu viel von ihm versprachen. Seine vorsichtige, harmoniebedürftige Vorgangsweise hat ihm bei vielen Unzufriedenen den Ruf eingetragen, eher ein Systemerhalter als -veränderer zu sein. Die Wahlen im Juni 2001 gewann er trotzdem mit 77 Prozent, ein klarer Reformauftrag. In der populären Zustimmung erschöpft sich aber auch schon seine Macht - verfassungsrechtlich ist sie in der Hand des religiösen Establishments.

Besonders die letzten Monate waren für Khatami, der mit Österreich nach Italien, Frankreich und Deutschland schon einem vierten EU-Land einen Besuch abstattet, eine Berg- und Talfahrt. Angesichts des 11. September, der Identifizierung des rabiat-sunnitischen Osama Bin Laden als Auftraggeber und der Auswahl von dessen "Gastgebern", den Taliban in Afghanistan, als US-Kriegsziel, standen die schiitischen Iraner da als diejenigen, die es schon immer gewusst hatten: Immerhin waren sie 1998 am Rande eines Krieges mit Afghanistan gestanden. Sie hatten auch, von der Welt unbedankt, die Hauptlast des afghanischen Flüchtlingsproblems getragen. Plötzlich schien sogar eine iranisch-amerikanische militärische Zusammenarbeit im Bereich des Möglichen.

The Great Game

Nach dem Sturz der Taliban war plötzlich wieder alles anders: das Unbehagen auf iranischer Seite darüber, dass die USA ihre militärischen Zelte in ganz Zentralasien aufschlagen (im Gefolge der Militärs kommen die Geschäftsleute), der US-Ärger darüber, dass Iran seinen Einfluss in Westafghanistan nicht fallen lässt - was Afghanistans Premier Hamid Karsai, sonst überwiegend nach Washington schauend, nicht von einem Besuch in Teheran abhielt, mit allen businessrelevanten Ministern im Schlepptau.

Ein echter Schlag ins Gesicht Khatamis war US-Präsident George Bushs Aussage von der "Achse des Bösen", zu der auch Teheran, das sich um Massenvernichtungswaffen bemühe, gehöre.

Der in Europa salonfähige Khatami tut sich angesichts dieser Polarisierungen schwer, zu Hause seinen "Dialog der Kulturen", der sich explizit an den Westen richtet, weiterzuverkaufen. Khatami zahlt immer doppelt die Zeche: im Ausland für die Aktionen seiner Hardliner (wie für das für die Palästinenser bestimmte Waffenschiff "Karine A"), in Iran, wenn die Konservativen die US-Kritik gegen den Reformpräsidenten instrumentalisieren. (DER STANDARD, Print, 11.3.2002)

Gudrun Harrer
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