Verkörperung des Grundwiderspruchs

8. März 2002, 22:15
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Ernst Fischers "Von der Notwendigkeit der Kunst"
Teil 22 von Bernhard Fetz

I also had a father who was a communist, a poet and a teacher", schreibt der englische Kunstkritiker und Schriftsteller John Berger 1964 in einem enthusiastischen Brief zum 65. Geburtstag Ernst Fischers, der nicht nur für Berger in diesen Jahren zur charismatischen alternativen Vaterfigur wurde. Der Impetus dieser drei Rollen beschreibt treffend den intellektuellen Habitus einer für die österreichische Geistesgeschichte wie für die politische Geschichte paradigmatischen Figur.

Bereits 1931 veröffentlichte Fischer ein Buch zur "Krise der Jugend", mehr als dreißig Jahre später eines über "Probleme der jungen Generation". Als kulturtheoretisches Pendant steht neben diesen soziologischen Essays ein aus dem Nachlass veröffentlichtes großes Buch über "Ursprung und Wesen der Romantik". Es deutet die Romantik als jugendliche Protestbewegung gegen die Entfremdungseffekte einer durchgreifenden kapitalistischen Zweckrationalität. Als Redakteur der Arbeiter-Zeitung verlieh Fischer ab 1927 dem Lebensgefühl einer durch den Krieg geprägten "lost generation" emphatischen Ausdruck, was Karl Kraus mit einem ironischen "Perlen-Fischer" quittierte.

Wiederholt musste sich der Marxist von Gesinnungsgenossen den Vorwurf des Romantizismus und Individualismus gefallen lassen, bis das Bürgerkriegsjahr 1934 zu einem entscheidenden Bruch führte. In den 30er-Jahren war Fischer immer mehr zu einem der wichtigsten Proponenten der Linksopposition innerhalb der Sozialdemokratie geworden, überzeugt, dass nur eine entschiedene Volksfront-Politik den Faschismus stoppen könne. Er wird Kommunist und geht ins Moskauer Exil, wo die propagandistische Arbeit für die Komintern den Schwärmer zu einer Eindeutigkeit treibt, die den stalinistischen Terror nicht sieht oder verdrängt, um nicht am einzigen Ziel, dem Kampf gegen Hitler, zu (ver)zweifeln.

Ernst Fischer war die Verkörperung des intellektuellen Grundwiderspruchs, zerrissen zwischen den Ansprüchen politischen Handelns und der Formulierung intellektueller Freiheit. Der kommunistische Abgeordnete und einer der besten Redner, den der österreichische Parlamentarismus hervorgebracht hat, reibt sich in den Anfangsjahren der Zweiten Republik im tagespolitischen Kampf auf. Es kommt im Banne des Kalten Krieges und in partieller Selbstverleugnung nochmals zu einem stalinistischen Rückfall. Gegen die ausschließliche Logik der politischen Doktrinen beginnt jedoch Fischers zweites Ich sich zur Wehr zu setzen; es zeigt einen Schriftsteller und Kulturtheoretiker, der Baudelaire übersetzt, für Shelley und Keats schwärmt und etwa über den unglücklichen preußischen Junker Heinrich von Kleist einen brillanten Essay schreibt.

Zur spezifisch österreichischen Ironie der Geschichte gehört Fischers Apostrophierung als "schwarz-gelber" Marxist. Im Moskauer Exil hatte er 1944 in Abgrenzung von den deutschen Kommunisten eine Schrift zum "österreichischen Volkscharakter" verfasst, die den humanen, barocken, kakanischen Österreichmythos gegen das preußisch organisierte deutsche Herrenwesen ins Feld führt. In dieses Bild passt die auf Ausgleich mit der katholischen Reichshälfte setzende Kulturpolitik Fischers als erster Unterrichtsminister (Staatssekretär) nach 1945, dem die Wiedererrichtung bürgerlicher, vor allem aber österreichischer Kunstinstitutionen wie Oper, Philharmoniker und Burgtheater eines der wichtigsten Anliegen war.

Entscheidend für die Entwicklung zu einem der führenden undogmatischen marxistischen Denker war Fischers Teilnahme an der legendären Kafka-Konferenz, die 1963 auf Schloss Liblice bei Prag stattfand; sie gilt als Vorbote des kurzen Frühlings eines demokratischen Sozialismus. Fischer nützte die Auseinandersetzung mit Kafka zu einer fundamentalen Kritik an der Bürokratie in den sozialistischen Ländern und als Beweis für die kritische Kraft moderner, als dekadent verfemter Literatur. Sein geflügeltes Wort "Gebt Kafka ein Dauervisum", sein Plädoyer für Autoren wie Joyce, Faulkner oder Beckett weitete den ästhetischen Horizont einer marxistischen Kulturkritik. Wegen seiner Kritik am "Panzerkommunismus" (diesen Begriff hat Fischer geprägt) wurde er 1969 schließlich aus der KPÖ ausgeschlossen.

1959 erschien im Dresdner Verlag der Kunst Fischers große Studie über Die Notwendigkeit der Kunst. Zum in viele Sprachen übersetzten Welterfolg wurde das Buch aber erst in einer stark überarbeiteten englischen Fassung, die 1963 erschien. (Übersetzerin war Anne Bostock, die damalige Frau John Bergers.) 1967 erschien das Buch auf Basis der englischen Ausgabe verspätet auch auf Deutsch.

"Ich halte zur Erkenntnis der Welt die Kunst, zur Erkenntnis der Kunst den Marxismus für unentbehrlich", bringt Fischer im Vorwort seine Überzeugung auf eine prägnante dialektische Formel. Kaum jemandem würde es heute noch einfallen, einen auf anthropologischen und ethnologischen Studien basierenden Überblick über die Geschichte der Kunst im Lichte der Menschheitsentwicklung zu verfassen. Arbeit, Sprache und magisches Ritual als kollektive Werkzeuge der Weltbewältigung sind die Geburtshelfer der Kunst, die sich in Akten sozialer Differenzierung herausbildet. Diese Trias bildet einen Speicher der Macht, den fortschrittliche Kunst - in der hier avancierten Interpretation Fischers - der ständigen Reflexion und Neuinterpretation aussetzt.

Andererseits trägt Von der Notwendigkeit der Kunst Züge einer konservativen Kulturkritik, die die Klage über den fragmentierten, entfremdeten Menschen an die Utopie eines verlorenen Ganzen bindet. Zugleich aber merkt man dem Buch die Begeisterung über die Dynamik der künstlerischen Prozesse vor allem seit der Romantik an; wie Marx ist Fischer fasziniert von der Entfesselung der Produktivkräfte, die nicht nur Terrains zerstören, auf denen der ganze Mensch im Einklang mit dem Kollektiv sein geglücktes Leben realisieren könnte, sondern die auch die Kunst zu faszinierenden Experimenten provozieren, zur Lyrik Baudelaires, zum didaktischen Populärstück Brechts, zur Beckettschen Komödie des Nichts. Wirklichkeit ist für Fischer die "Fülle der Wechselwirkungen" von sozialen Lagen, sensorischen Sensationen, individuellen charakterlichen Dispositionen. Sie umfasst "alle Subjekt-Objekt-Beziehungen, nicht nur Vergangenes, sondern auch Künftiges, nicht nur Ereignis, sondern auch Erlebnis, Traum, Ahnung, Gefühl, Phantasie". Kunst ist das Medium der Veränderung, in dem der vereinzelte Mensch die "Fülle der Menschheit" erfährt.

Fischer handelt das für jede marxistische Ästhetik so entscheidende Form-Inhalt-Problem am Bild des Kristalls ab. Seine festgefügte Form ist bloß ephemere äußere Erscheinung, "das vorübergehende Ergebnis fortschreitender Veränderungen materieller Zustände", ein kurzfristig erreichter Gleichgewichtszustand. Die Form, so Fischer, könnte man als konservatives, den Inhalt als das revolutionäre Prinzip sehen; die Form als gestockte gesellschaftliche Erfahrung, die durch neue revolutionäre Inhalte verflüssigt wird. Eine listige Antwort auf den Formalismusvorwurf gegenüber moderner Kunst. Fischers frühe Plädoyers für eine Pluralität der Stile und Formen nehmen seine vehemente politische Kritik an einem monolithischen Sozialismus vorweg. Er hat Musils Mann ohne Eigenschaften oder Dos Passos' Manhattan Transfer in der Arbeiter-Zeitung enthusiastisch begrüßt.

In der Politik kann die "schlampige Beziehung zur Wirklichkeit" (eine Selbstcharakterisierung Fischers) zum Verhängnis werden, in der Kunst ist sie eine Voraussetzung für Erkenntnis. Die Widerspiegelungstheorie und die Beschränkung auf einen Kanon großer bürgerlicher Kunst von Goethe bis Thomas Mann war Ernst Fischer schon früh ein viel zu enges Korsett, darüber hat er sich mit Georg Lukács, dem großen Theoretiker einer marxistischen Ästhetik, auseinander gesetzt. Seine späten kulturtheoretischen Arbeiten sind Österreichs wichtigster Beitrag zur in den 60er-Jahren so intensiv geführten Kunst- und Politikdebatte geblieben. Das Werk und die Person Ernst Fischers bilden einen zentralen Baustein in einer Geschichte des intellektuellen Diskurses der Zweiten Republik. []

Ernst Fischer, Von der Notwendigkeit der Kunst. Hg. von Karl Markus Gauß unter Mitarbeit von Ludwig Hartinger. Klagenfurt: Wieser Verlag 1985.

Ernst Fischer, Texte und Materialien. Herausgegeben von Bernhard Fetz. Wien: Sonderzahl Verlag 2000.

Die von Karl Markus Gauß unter Mitarbeit von Ludwig Hartinger herausgegebene Ernst Fischer Werkausgabe ist im Wieser Verlag lieferbar.

Bernhard Fetz ist Literaturwissenschafter und Literaturkritiker. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter des österreichischen Literaturarchivs der Österreichischen Nationalbibliothek betreut er unter anderen auch den Nachlass Ernst Fischers.

(DER STANDARD, Printausgabe vom 9./10.3.2002)

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