Gedächtnisverlängerer

7. März 2002, 19:25
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Nobelpreisträger Eric Kandel: Informationsspeicherung mit Eiweiß steuerbar

New York/Wien - Der Medizin-Nobelpreisträger Eric Kandel ist der molekularen Basis des Langzeitgedächtnisses wieder ein Stück mehr auf die Schliche gekommen. "Wir haben", berichtet der Neurobiologe dem STANDARD, "transgene Mäuse geschaffen, in denen wir die Expression einer besonders aktiven Eiweißmutation in der für das Gedächtnis wichtigen Gehirnregion herbeiführen konnten."

Dazu aktivierte das Team des 73-jährigen Wien-Emigranten an der Columbia-Universität das Eiweiß ("CREB") mit bestimmten Präparaten. Und siehe da: Reizte man die Gehirnzellen der Mäuse zweimal elektrisch, befanden sie sich beim zweiten Mal schon in einer Art Vor-Stimulierung, quasi in "Erinnerung" an den ersten Reiz. Dafür reichten viel schwächere Stimuli als bei Artgenossen ohne aktiviertes CREB.

Die Erkenntnis, publiziert in Cell (Vol. 108, S. 689) erhellt ein Phänomen (LTP, "long-term potentiation"), das für das Speichern von Information auch beim Menschen entscheidend ist. Vereinfacht gesagt, eine bestimmte Veränderung der Synapsen in Reaktion auf einen ersten Reiz.

Der heutige US-Bürger und Sammler österreichischer Expressionisten, Kandel, war es, der vor einem Jahrzehnt an der Meeresschnecke Aplysia einen anderen CREB-Mechanismus beschrieb: Durch Unterdrückung dieses Proteins lässt sich auch die molekulare Grundlage des Langzeitgedächtnisses blockieren.

Darin liegt auch ein Grund, warum laut Kandel "gedächtniserhöhende Medikamente vorerst unwahrscheinlich" sind. Denn beim Speichern von Information herrscht "ein Gleichgewicht von aktivierenden und behindernden Signalen". Sogar CREB selbst kann in bestimmten Formen zu den Blockierern zählen. Dessen weitere Erforschung, so Kandel, biete die Chance, "das Programm für die Festigung der Synapsenveränderung zu dechiffrieren". (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8. 3. 2002)

Von Roland Schönbauer
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