"Ein präpotenter Star des Regimes"
Ehemaliger Berlusconi- Minister fordert Boykott von Filmstar Roberto Benigni

10. März 2002, 20:35
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Ein Boykottaufruf gegen Roberto Benigni schlägt in Italien hohe Wellen. Der Chefredakteur der Tageszeitung Il foglio und ehemalige Berlusconi-Minister Giuliano Ferrara hat eine heftige Kampagne gegen den Schauspieler und Regisseur (zuletzt: Das Leben ist schön) angezettelt. Ferrara und seine Freunde wollen den bekannten Komiker am Samstag beim Festival von San Remo "mit Eiern und Gemüse bewerfen". Benigni sei ein "präpotenter und selbstgefälliger Star des Regimes", der sich den Mächtigen andiene.

Es könne nicht zugelassen werden, dass dieser "böswillige Regierungskomiker" im öffentlich-rechtlichen Fernsehen Berlusconi lächerlich mache und dafür ein Honorar beziehe, kritisierte die Zeitung. Gleichzeitig forderte Ferrara zur Gründung von "Boykottkomitees" auf, um Benignis Auftritt zu verhindern.

Der Appell hat heftige Polemiken ausgelöst. Der erst seit drei Tagen amtierende RAI-Präsident Antonio Baldassarre versicherte, er sei kein Anhänger von Zensur. Er vertraue darauf, dass Benigni seinen Auftritt nicht zu politischer Polemik missbrauche. "Hätten die Mächtigen die Fähigkeit, über sich selbst zu lachen, wäre dieser Aufruf kein Diskussionsthema", erklärte Baldassarre. Die Tageszeitung La Repubblica sprach von "einem Rückfall in finstere Zeiten". Nobelpreisträger Dario Fo kritisierte eine "zunehmende Tendenz zur Zensur". Benigni meinte: "Natürlich werde ich mich am Samstag auch mit Politik beschäftigen. In Zeiten wie diesen kann man darüber nicht schweigen."

Das Schlagerfestival von San Remo ist Italiens populärste Musikveranstaltung. 16 Millionen Zuschauer sitzen an den vier Festival-Abenden bis zu vier Stunden am Fernsehschirm. Nach den Polemiken um den Benigni-Auftritt rechnet die RAI beim Abschlussabend am Samstag mit einer Rekord-Einschaltquote von 20 Millionen Zuschauern.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8. 3. 2002)

Wie der Abend ausging, lesen Sie im Artikel 'Keine Eier, viel Jubel in San Remo'.

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