Megapixel und Cyberschock

6. März 2002, 00:19
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Willkommen zu einer Momentaufnahme der digitalen Einstiegskameras! DER STANDARD hat für Sie probegeschossen.

Papa, krieg' ich eine Webcam?" Der Geburtstagswunsch aus dem Mund eines Neunjährigen kann heute nicht mehr verwundern. Die Tatsache, dass der Angesprochene in seiner Kindheit weder mit "Web" noch mit "Cam" etwas anfangen konnte, macht ihn psychisch älter, als er physisch ist. Wie in zahlreichen anderen Bereichen schreitet auch die Entwicklung der digitalen Kameras in einem kaum nachvollziehbaren Tempo voran. So schnell, dass die Bezeichnung Digital-"Kamera" einer Überarbeitung bedarf, bieten doch manche Modelle die Möglichkeit, Videoclips mit Ton aufzunehmen, MP3-Soundfiles abzuspielen, zu diktieren oder Bilder sofort von der Kamera weg per e-mail zu versenden. Hatten wir erwähnt, dass sie auch Fotos in verschiedenen Qualitätsstufen machen können (mit der Möglichkeit, ISO-Einstellungen vorzunehmen, eine Makro-Option zu aktivieren, optisch und digital zu zoomen)?

Neue Zeiten

Es sind ja doch noch (vorwiegend) Kameras - auch wenn der enorme Stromverbrauch, gelegentliche Abstürze und Handbücher im Umfang eines ausgewachsenen Märchenbuchs sanft darauf hinweisen, dass ein neues Zeitalter der Fotografie angebrochen ist.

Weiter gehts

Ein Vorteil der rasanten Entwicklung ist, dass die Luxusmerkmale von damals die Minimalstandards von heute sind. Bei Digicams findet sich auch in der Einstiegsklasse keine Kamera ohne (abschaltbarem) LCD-Display, 2 Megapixel oder mehr sichern eine Qualitätsstufe, die für Standardausdrucke durchaus zu verwenden ist. Angenehmerweise ist die mitgelieferte Software für Mac und PC ebenfalls schon so gereift, dass "plug and play" via USB-Schnittstelle kein leeres Versprechen bleibt.

Die Kriterien:

Getestet wurden acht Kameras mit mindestens 2.1 Megapixel unter EURO 1000,-. Kriterien waren neben der

  • - Fotoqualität auch
  • - Ausstattung (z. B. Batterie oder Akku) und
  • - Handlichkeit.

Da digitale Bilder im Computer gespeichert bzw. bearbeitet werden, war auch die Software-ausstattung ein Faktor. Neben einem Computerfachmann waren ein Fotograf und einige arme blauäugige Konsumenten am Test beteiligt. Beurteilt wurde nach einem 10-Punkte-System (10 Punkte = Beste Bewertung).

Die Ergebnisse:

Canon Powershot A20

Die kleine 2,1 MegaPixel-Kamera ist ein Musterbeispiel ihrer Preisklasse: 8 MB CompactFlash Speicherkarte, 3fach-Zoom (und digitales zusätzliches 2fach-Zoom), integrierter Blitz, Batteriezustandanzeige für die 4 1.5 Volt Batterien, 1,5"-LCD-Monitor auf der Rückseite. Die mit EURO 550,- (öS 7568,-) relativ günstige Kamera produziert scharfe Fotos und ist leicht zu bedienen. Weder Aussehen noch Funktionsumfang sind besonders hervorhebenswert - eine kleine, einfach zu bedienende Digicam eben. Die bei anderen Modellen angebotene Option, kurze Videosequenzen aufzunehmen, fehlt hier. Gesamtbewertung: 8,5.

Epson PhotoPC 3100Z

Stabiles Gehäuse mit einem guten Linsenschutz (manuell zu entfernender Deckel), einfachstes Handling und Fotos in sehr guter Qualität von der Epson-Kamera mit 3,3 bzw. 4,8 MegaPixel (letzteres mit EPSON HyPicT-Technologie). Angenehmerweise ist sie mit einer 16 MB CompactFlash Card ausgerüstet, unangenehmerweise auch mit vier 1,5-Volt-AA-Batterien, die bei häufigem Einsatz der Kamera (und Verwendung des LCD-Displays) zu einem Geldfresser werden. Ein zusätzlicher Blitzaufsatz sowie ein 49-mm-Objektivadapter für zusätzliche Linsen und Filter sind hervorhebenswert. Eine Video-Option speichert Clips bis 30 Sekunden im Quicktime Movie Format. Für 699,- (öS 9618,-) erhält man hier sehr viel Kamera. Hätte sie noch einen guten Akku, wäre die 3100Z mit Sicherheit Testsieger geworden. Trotz dieses Mankos bekommt sie eine Gesamtwertung von 9,0.

FujiFilm FinePix 2800 Zoom

Auch diese Kamera bietet mit einer 16 MB SmartMedia-Card genug Platz für die ersten digitalen Gehversuche. Vier 1,5-Volt-Batterien versorgen die Kamera, neben Bildern können auch Kurzvideos im .avi-Format geschossen werden. Die Besonderheit dieser Kamera ist sicherlich das 6fach-Zoom, das noch um ein digitales 2,5fach-Zoom ergänzt wird. In dieser Preisklasse ist sie damit einzigartig. Auch die Möglichkeit, die Kamera via mitgelieferter Software als Webcam zu benutzen, ist eine erfreuliche Erweiterung der Verwendungsmöglichkeiten. Sowohl die Bildqualität als auch die angenehme Handhabung verhilft der Kamera mit einem Preis von EURO 600 (öS 8256,-) zur guten Wertung von 8,5.

Minolta DIMAGE E203

Mit 2 Megapixel kann man eben auch gute Fotos machen - das zeigt die kleine Minolta. Einfachste Handhabung und gute Funktionalität und Durchdachtheit machen diese Kamera zu einem Favoriten. Leider gibt es auch hier einige Kritikpunkte, die bei auffallen: Wieder einmal nur Batterien (2 x 1,5 Volt), und kein Schutz vor der Optik. Diese wird zwar im Ruhezustand ins Kameragehäuse zurückgezogen, aber das Schutzglas kann in Hosen- oder anderen Taschen zerkratzt werden, was dann auf jedem Foto zu sehen ist. Gesamtbewertung, auch auf Grund des guten Preis-Leistungs-Verhältnisses (EURO 499,-/öS 6866,-): 8,0.

Nikon Coolpix 775

Klein und doch genug Kamera, um etwas in der Hand zu haben. Einfach zu bedienen, gutes Objektiv. Die Coolpix 775 von Nikon hat die meisten Erwartungen, die man mit dem Namen Nikon verbindet, erfüllt. Ein Lithium-Ionen-Akku ist genauso für das positive Gesamtergebnis verantwortlich wie das extrem einfache Handling der Kamera. Das Objektiv mit 3fach-Zoom bringt in Verbindung mit 2.1 MegaPixel schöne und farbechte Ergebnisse. Kleines, aber verschmerzbares Ärgernis: wieder einmal nur eine 8 MB Speicherkarte. Mit einem Preis von EURO 461,98 (öS 6357,00) ist die Kamera aber sehr empfehlenswert und erhielt durchgehend gute Bewertungen, gesamt 9,0.

Olympus C-2040 Zoom

Auch diese Kamera fällt schön in das bereits bekannte Schema: 3fach-Zoom, Bild- und Videoclip-Option (in zwei verschiedenen Größen), Autofokus und manueller Fokus, 16MB-SmartMedia-Karte und eine Stromversorgung über 2 1,5-Volt-Batterien, wirklich einfach zu bedienen. 2,1 MegaPixel sind auch hier die Grundlage für gute Bilder. Mit einem Preis von EURO 522,-- (öS 7183,-) liegt diese Kamera im guten Mittelfeld und erhält eine Bewertung von 8,5.

Ricoh Caplio RR10

Eine eierlegende Wollmilchsau war offensichtlich das Bestreben von Ricoh, als sie diese Kamera entwickelten: Neben einer 2,1 Megapixel-Kamera bietet sie eine gut funktionierende Diktierfunktion und einen integrierten MP3-Player. Obwohl die Bedienung des Gerätes sehr einfach ist, fällt das Gesamtkonzept in sich zusammen: 8 MB Speicher sind einfach zu wenig, um den MP3-Player sinnvoll einzusetzen, und das Objektiv mit 2fach-Zoom liefert im Vergleich zu anderen 2.1 Megapixel-Kameras eindeutlig schlechtere Ergebnisse. Fazit der Tester: Für jemanden, der das Diktiergerät wirklich verwendet und auch eine platzsparende Digitalkamera mithaben will, ist das EURO 459,-/öS 6315,98 billige Gerät interessant. Gesamtbewertung: 6,0.

Sony DSC-P5

Die kleine Sony Cybershot hatte zunächst alle Ansätze, den Test zu gewinnen, zeigte aber bald Mr. Hyde-Symptome. Zunächst die Vorteile: Sehr handlich, leicht zu bedienen und ein wirklich ausgezeichnetes Zeiss-Objektiv, das in Verbindung mit 3.3 Megapixel entsprechend gute Bilder liefert. Ein lang durchhaltender Lithium-Ionen-Akku (Hurra!) mit einer präzisen Restbatterie-Dauer-Anzeige. So sehr wir uns darauf gefreut haben, uns über all das zu freuen, so bitter war die Erfahrung, dass die Kamera ein gewisses Eigenleben, respektive Eigensterben, entwickelte. Allzu schnelles Umschalten der Funktionen ließ die Kamera bockig werden, und zweimal schaltete sie sich trotz vollem Akku einfach ab und war nur über ein wissenschaftliches Verfahren (Akku entfernen, 1,5 Minuten warten, Stromkabel anstecken, Akku hinein, starten) wieder zum Leben zu erwecken. Der Sony-eigene Memory-Stick ist mit 8 MB relativ mager. Die Urteile der User bewegten sich für die nicht gerade billige Kamera (EURO 787,-/ öS 10.829,-) daher zwischen "klein, aber gemein" und "Cyberschock", Punkteanzahl (aufgrund der Durchdachtheit im Detail und der Bildqualität) 8,0.

Preise: Stand Ende Jänner 2002, Quellen: Richtpreise bzw. www.geizhals.at

Bernhard Anderl arbeitet in Wien freiberuflich in den Bereichen Computeranimation und Digital Art sowie als Journalist und Schriftsteller. Stefan Froderik, Wohnsitze in London und Wien, hat sich als Fotograf und Filmemacher auf digitale Fotografie, digitalen Film und multimedialen Einsatz spezialisiert.

*) Jeder Artikel spiegelt die ganz persönlichen Erfahrungen der AutorInnen wider.

(Bernhard Anderl und Stefan Froderik / DER STANDARD Album)

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