Überleben unter Stellvertretern

4. März 2002, 20:43
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Trotz der immensen Schwierigkeiten herrscht eine gewisse Aufbruchstimmung in der ÖH

Gleich drei Verfahren in Sachen Studiengebühren beschäftigen unter der Patronanz der Österreichischen Hochschülerschaft die Gerichte. Alle drei Studierenden mussten Gebühren bezahlen, obwohl sie die Lehrveranstaltungen ohne eigenes Verschulden nicht ordnungsgemäß besuchen konnten. Die ÖH hat nun Anwälte zur Verfügung gestellt und fordert für die drei Gerechtigkeit.

Es ist ein Stellvertreterkampf, den die Studentenvertretung ausficht, die generelle Beseitigung der Studiengebühren habe "immer noch oberste Priorität", erklärt die Vorsitzende Anita Weinberger (GRAS) die über den Einzelklagen gelagerten Interessen. Ein Gefecht freilich mit niedrigen Erfolgsaussichten, gemessen an der Entschlossenheit der Regierung. So zeichnet sich eine weitere zermürbende Auseinandersetzung für eine Hochschülerschaft ab, die augenblicklich turbulente Zeiten erlebt.

FPÖ schießt auf ÖH

Unter Beschuss steht die Einrichtung etwa vonseiten der FPÖ. "Der derzeitige Status hat sich überlebt", meint Johannes Öhlböck vom Ring Freiheitlicher Studenten und fordert eine Reorganisation der Strukturen.

Schweren Image-Schaden nahm die ÖH auch durch die Skandale um die frühere Vorsitzende Angelika Obermayr (AG), die sich 2000 wegen angeblicher Verschwendung von ÖH-Geldern vor dem Studentenparlament und in der Folge vor dem Wiener Landesgericht wegen Amtsmissbrauchs verantworten musste. Obermayr wurde zwar freigesprochen, der Vorfall werfe jedoch "kein gutes Bild auf die ÖH", wie Anita Weinberger bemerkt.

In Sachen Bildungsvolksbegehren agierte die ÖH erfolglos, bei den Studiengebühren und der anstehenden Unireform schlicht ohnmächtig. "Es ist anstrengend", bestätigt Anita Weinberger. Die Bildungsministerin verweigere permanent das Gespräch: "Unsere Fragen werden einfach nicht beantwortet."

Geringer Nutzen

Für die Studierenden selbst hat die Vertretung ebenfalls viel an Glaubwürdigkeit verloren. Die ÖH tritt für sie augenscheinlich bei der Studienberatung in Erscheinung, danach werden die Angebote nur noch wenig beachtet, wie eine von der ÖH in Auftrag gegebene Studie belegt. Demnach nutzen zwar über 50 Prozent aller Studierenden die Inskriptionsberatung, aber nur neun Prozent konsultieren die ÖH, wenn es um Rechtsfragen geht. Beim Thema "Studieren mit Kind" sind es gar nur zwei Prozent.

"Die momentane Situation drückt aufs Gemüt." Ada Pellert, Vizerektorin an der Uni Graz, zeigt Verständnis für die Probleme der Studentenvertreter. Umso wichtiger sei die Einbindung in demokratische Prozesse. "Unerlässlich" ist ihrer Meinung nach die Zusammenarbeit zwischen Universität und ÖH - angefangen von der Lehrplan-Erstellung über didaktische Eingriffe bis hin zur Mitbestimmung bei Personalentscheidungen. "Wir wären verrückt, wenn wir diesen innovativen Beitrag nicht in Anspruch nehmen würden", betont Pellert im Gespräch mit dem STANDARD.

"Die ÖH ist jetzt anders", ordnet Pressesprecher Answer Lang die Schwierigkeiten der Organisation nunmehr der Vergangenheit zu und bekräftigt den Willen zur Erneuerung. Die Klagen stellten dabei nur ein Betätigungsfeld von vielen dar. In Zukunft wolle man serviceorientierter und in organisatorischen wie finanziellen Belangen transparenter werden.

Mehr Wähler

Ebenfalls optimistisch beurteilen die ÖH-Mitarbeiter die künftige Wahlbeteiligung, die 2001 nur bei knapp 28 Prozent lag. Der Regierung sei es gelungen, "50.000 Studierende zu vertreiben", rechnet Answer Lang vor. "Das waren Berufstätige, die nicht zur Wahl gegangen sind." 2003 rechne er mit 40 bis 50 Prozent Wähleranteil und hofft im Zuge dessen auf eine bessere Positionierung der Interessenvertretung, die sich dann "noch stärker" für die Anliegen der Studierenden einsetzen werde können. (DER STANDARD, Printausgabe, 5.3.2002)

von Doris Priesching
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