Schon Kleinkinder können Depressionen haben

5. März 2002, 10:16
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Bis zu 2,5 Prozent der Kinder und 8,3 Prozent der Jugendlichen in Österreich leiden daran - meiste Selbstmorde zur Zeugnis-Zeit

Wien - Traurige Kinder - oft stecken Depressionen dahinter: Bis zu 2,5 Prozent der Kinder und bis zu 8,3 Prozent der Jugendlichen leiden an Depressionen. Sogar schon Kleinkinder im Alter zwischen ein und drei Jahren können davon befallen sein. Tragisch: Suizide kommen sogar schon im Alter von zehn Jahren vor. Dies erklärte der Vorstand der Wiener Universitätsklinik für Neuropsychiatrie des Kindes- und Jugendalter, Univ.-Prof. Dr. Max Friedrich am Wochenende bei einem Symposium am Wiener AKH.

"Depression im Lebenszyklus des Menschen", lautete das Thema der von Univ.-Prof. Dr. Siegfried Kasper, Leiter der Klinischen Abteilung für Allgemeine Psychiatrie, am Wiener AKH organisierten Veranstaltung. Der Hintergrund: Die Depression bei Menschen im mittleren Lebensalter wird zumeist erkannt und behandelt.

Aufklärungsarbeit

Doch speziell bei der Altersdepression und bei der Erkrankung von Kindern ist noch viel an Aufklärungsarbeit - besonders unter den Ärzten - zu leisten. So leiden ein bis zwei Drittel der hoch Betagten unter Depressionen. Doch laut Untersuchungen werden bei zwei Drittel der Betroffenen die Symptome nicht als psychische Störung erkannt. Nur fünf Prozent werden behandelt. 40 Prozent der wegen einer Altersdepression Therapierten erhalten laut den Angaben bei dem Symposium immer noch potenziell abhängig machende Tranquilizer (Benzodiazepine) statt moderne Antidepressiva.

Noch eine andere Bevölkerungsgruppe wurde bisher bezüglich auftretender Depressionen häufig kaum beachtet: Kinder und Jugendliche. Die Häufigkeit des Leidens laut Friedrich: 0,4 Prozent bis 2,5 Prozent der Kinder zeigen Depressionen mit lang anhaltenden Verstimmungen, Freudlosigkeit, Interessenverlust, Antriebsverminderung, verstärkter Ermüdbarkeit, konstanter "Traurigkeit", Schlafstörungen etc. Bei den Jugendlichen sind es dann schon 0,4 bis 8,3 Prozent.

Steigen ab der Pubertät

Während der Pubertät aber steigt die Häufigkeit der Erkrankung bereits auf jene bei den Erwachsenen an. Im Laufe des Jugendalters erkranken bereits 15 bis 20 Prozent der Jugendlichen an einer Depression. Das ist vergleichbar mit der Häufigkeit im Rahmen der Lebenszeit von Erwachsenen. Das könnte sogar darauf hinweisen, dass die meisten Depressionen bereits im Jugendalter beginnen.

Bekannt ist auch, dass Frauen häufiger an Depressionen leiden als Männer. Allerdings dürfte bei Männern die Erkrankung wegen oft nicht gut erkannter Symptome seltener diagnostiziert werden. Doch auch dieses Ungleichgewicht im Erwachsenenalter bildet sich bereits in der Jugend heraus. Während laut Friedrich die Geschlechtsverteilung von Buben zu Mädchen mit eins zu eins gleich ist, verändert sich bei den Jugendlichen die Relation in Richtung der Erwachsenenverteilung: zwei zu eins von Frauen zu Männern unter den Depressiven. Normale Ängste

Von Lebensalter zu Lebensalter unterscheiden sich die Symptome von Depressionen bei Kindern und Jugendlichen. Verkompliziert wird die Sachlage laut dem Wiener Kinderpsychiater Univ.-Prof. Dr. Max Friedrich auch dadurch, dass gewisse Ängste (z.B. "Fremdeln" mit etwa acht Monaten, Trennungsängste mit 18 Monaten, Dunkelangst mit vier Jahren, soziale Trennungsängste im fünften Lebensjahr) zur natürlichen Entwicklung gehören.

Auch Schlafstörungen sind in manchen Entwicklungsphasen "normal". Die Loslösung vom Elternhaus im Rahmen der Pubertät muss zu einem gewissen Maß ebenfalls Trennungsschmerz auslösen.

Krankheitsbilder

Doch es gibt auch Depressionen bei Kindern, die organische bzw. äußere Ursachen haben: Gehirntumoren, Trauer, Trennungen im Familienverband, Mobbing in der Schule oder sexueller Missbrauch. Hier kommt es darauf an, die eigentlichen Ursachen zu erkennen und zu "behandeln".

Der Selbstmord ist die tragischste Folge von Depressionen. Eine Entwicklung in Richtung Suizidalität kann bei Kindern mit der Erkrankung bereits im Schulkindalter erfolgen. Laut Friedrichs Darstellung sprechen die Betroffenen erstmals über ihre Traurigkeit. Sie können Selbstmordgedanken entwickeln. Die Befürchtung, von den Eltern nicht genug Beachtung geschenkt zu bekommen und Schulleistungsstörungen sind ebenfalls Merkmale der Depression in diesem Lebensalter.

Schulstress

Eine von der Frau des Kinderpsychiaters und diesem selbst durchgeführte Untersuchung von 122 Fällen von Selbstmorden im Kindesalter in einem Zeitraum von zehn Jahren brachte folgende Kennzeichen zu Tage: Am häufigsten erfolgten Selbstmordhandlungen im Februar und im Juni. Das dürfte auf eine Verbindung zum Schulstress hindeuten. Buben erhängten oder erschossen sich oft, Mädchen tendieren zu Selbstmord mit Medikamenten oder zum Sprung in die Tiefe. Das jüngste Kind unter den 122, die Selbstmord begangen hatten, war erst zehn Jahre alt!

Hilfe sollte natürlich möglichst frühzeitig erfolgen. Für Kinder und Jugendliche kommen zunächst psychosoziale Hilfestellungen und Psychotherapie in Frage. Bei den modernen Antidepressiva eignen sich am ehesten so genannte Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRIs) zur Behandlung. Studien bewiesen eine Wirksamkeit auch bei Kindern. Außerdem haben diese Medikamente geringe Nebenwirkungen, auch eine eventuelle hohe Überdosierung ist kaum gefährlich.

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