Linzer Leichte

7. März 2002, 15:20
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Mit der "Titan Minimal Art" landete der oberösterreichische Brillenhersteller Silhouette einen weltweiten Verkaufsschlager. Und für das Design braucht man sich auch nicht schämen.

"Sie ist praktisch und gleichzeitig lässig, sie ist zeitlos und trotzdem nicht fad": Gerhard Fuchs hat seine randlose Brille mit den zarten, silbrigen Bügeln abgenommen, auf den Kaffeehaustisch gelegt und philosophiert nun darüber, warum sie so erfolgreich ist. Universell einsatzbar ist sie, fällt ihm dazu noch ein, sie passt eigentlich zu jedem Styling und zu jeder Art von Kleidung, und doch hat sie eine eigenständige Designaussage. Sie kann cool wirken, aber z.B. mit anderen Gläsern auch "warm" - anpassungsfähig wie ein Chamäleon.

Gerhard Fuchs ist selbstständiger Designer und hat das vermutlich überhaupt erfolgreichste Modell in der knapp 40-jährigen Unternehmensgeschichte des Linzer Brillenherstellers Silhouette entworfen: die "Titan Minimal Art". Diese Brille, von der es bereits eine ganze Kollektion mit unterschiedlichen Bügel- und Glasvarianten gibt, ist seit ihrer Lancierung 1998 bereits 2,5 Millionen Mal verkauft worden, als optische und als Sonnenschutzbrille, in 100 Ländern der Welt. Und sie verkauft sich noch immer hervorragend. Sie wurde mit Designpreisen überhäuft und zählt mit Sicherheit zu den derzeit am häufigsten nachgemachten Brillen. Allein im Linzer Unternehmen lagern an die 40 "Titan"-Kopien, und jene der Firma Calvin Klein Eyewear / New York "errang" im Februar den zweiten Platz beim Negativpreis "Plagiarius", der alljährlich an die dreistesten Nachahmer weltweit verliehen wird.

Die Entstehungsgeschichte dieses Erfolgsmodells ist eine lange. Die Idee dazu sei ihm schon vor zehn Jahren gekommen, erzählt der 35-jährige, in Pasching bei Linz geborene Designer. Nämlich als er über minimale Brillenkonstruktionen nachdachte und infolgedessen auch "Selbstverständlichkeiten" wie Scharniere oder Glasdicken hinterfragte. "Scharniere sind ja oft ziemlich störende Bestandteile des Bügels und außerdem fehleranfällig." Warum sollte man sie also nicht weglassen, dachte sich Gerhard Fuchs damals.

Anfangs experimentierte er mit einem durchgehenden Balken, an dem die Gläser "hingen"; dieses Modell brach aber sehr leicht und wurde daraufhin vom Markt genommen. Der Durchbruch in der Erfindung einer scharnierlosen Brille gelang mit der Entwicklung einer hochelastischen Titanlegierung. Erst diese erlaubte das Weglassen des bis dato als unverzichtbar geltenden Scharniers, außerdem konnte damit auch der Übergang vom Glas zum Bügel elegant und ohne Schrauben gelöst werden. Mit positiven Nebeneffekten: Die Brillen sind durch die spezielle Titanlegierung federleicht und hinterlassen auch auf ausgeprägten Nasen keine Druckstellen, außerdem üben die elastischen Bügel immer den gleichen Druck auf den Kopf aus und sitzen nicht wie andere Brillen manchmal fester und manchmal lockerer.

Eine einfache Geburt war jene der "Titan Minimal Art" aber auch aus anderen als technischen Gründen keineswegs. Anfangs habe es doch einigen Widerstand vonseiten der Geschäftsführung gegen den allzu filigran daherkommenden Entwurf gegeben, erzählt der Designer. Infolgedessen ging er mit dem Modell einige Jahre schwanger, hatte viel Zeit zum Tüfteln und ließ von der Idee nicht mehr ab. Im Nachhinein gibt ihm der Erfolg natürlich mehr als Recht: "Diese Brille hat alle Erwartungen total gesprengt."

Was Gerhard Fuchs auf dem Weg zur Erfolgsbrille - neben seiner Dickköpfigkeit - zugute kam, war das Fachwissen aus seinem "Vorleben" bei dem oberösterreichischen Familienunternehmen: Er hatte einst bei Silhouette als Werkzeugmacher begonnen und eher zufällig sein Talent fürs Zeichnen im Allgemeinen und fürs Brillenentwerfen im Besonderen entdeckt. Seine Modelle gefielen der damaligen Chefdesignerin Dora Demmel und der Geschäftsführung so gut, dass man ihm einen Job als Designer vorschlug. Fuchs absolvierte daraufhin ein Ausbildungsjahr an einer Goldschmiedeschule in Pforzheim und arbeitete im Anschluss bei Silhouette an Projekten mit angesehenen Designern wie Matteo Thun.

Durch sein handwerklichen Fachkenntnisse weiß Gerhard Fuchs genau, was im technischen Bereich alles möglich ist - beziehungsweise was eventuell möglich sein könnte und daher doch vielleicht einmal ausprobiert werden sollte. Und er profitiert nach eigenem Bekunden auch von der langen Firmenzugehörigkeit, die ein angenehmes Arbeiten erlaube, "mit Leuten, die man schon lange kennt". Seit drei Jahren ist Gerhard Fuchs nun als selbstständiger Designer von Tirol aus tätig, vorrangig eben für Silhouette. er entwirft aber auch die komplette Brillenkollektion für Adidas, insgesamt rund 300 Modelle pro Jahr, von denen circa 60 bis 70 in Produktion gehen.

Mit der "Titan Minimal Art"-Kollektion hat das oberösterreichische Familienunternehmen Silhouette wieder den Anschluss an einstige Erfolgszeiten gefunden. Die besseren Zeiten lagen in diesem Fall doch schon einige Zeit zurück, in den 70er- und 80er-Jahren, als sich die Linzer einen soliden Ruf als Erzeuger eher eleganter Brillen erworben hatten. In den 90ern kam Derartiges nicht mehr so gut an, für das Unternehmen begann eine Durststrecke, die mit Fuchs' Erfolgsentwurf überwunden wurde. Heute arbeiten in Linz rund 800 Personen, produziert wird neben der Eigenmarke auch in Lizenz, u. a. für Daniel Swarovski und Adidas Sports Eyewear. Im Übrigen darf man auch auf die Zukunft neugierig sein. Für 2003 planen Fuchs und Silhouette "ganz was Neues" . . .

derStandard/rondo/1/03/02

Von Margit Wiener
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