Entfesselter Milosevic

27. Februar 2002, 21:54
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Ein Kommentar von Gerhard Plott

Der Angeklagte scheint topfit, ungebrochen und wird mit jedem Prozesstag in Den Haag entschlossener. Slobodan Milosevic hat seinen Schmollwinkel verlassen und läuft derzeit vor dem UN-Kriegsverbrechertribunal zur Hochform auf. Manchmal hat es den Anschein, als ob dem Gericht, den Anklägern und ihren Belastungszeugen der Prozess gemacht wird und nicht einem einsitzenden Despoten, der vier Kriege vom Zaun gebrochen und Hunderttausende auf dem Gewissen hat. Das Tribunal steht dem entfesselten Expräsidenten, für den Angriff die beste Verteidigung ist, hilflos gegenüber.

Jahrelang hat das Tribunal die Anklage gegen den Serben vorbereitet, mehrere Teams von Staatsanwälten und Ermittlern haben Berge von Papier gewälzt, 1300 Aussagen bearbeitet und rund 300 Zeugen gegen Milosevic geladen: Juristisch sei die Sache schon so gut wie gelaufen, verkündete die Chefanklägerin Carla del Ponte bei jeder Gelegenheit. Doch je länger der Prozess dauert, desto fragwürdiger wird die Arbeit der Staatsanwaltschaft. Was hat diese Behörde bis jetzt wirklich gemacht, außer über einen langen Zeitraum eine Menge Geld zu verbrennen? Bisher ist es den Anklägern nicht gelungen, eine einigermaßen schlüssige Kausalkette von der Ausführung der Verbrechen der serbischen Soldateska hin zur Verantwortlichkeit von Milosevic zu konstruieren. Das Tribunal hat es dem Juristen Milosevic erlaubt, in seine bekannt nebulose Polit-Propaganda zu verfallen, anstatt ihn auf nackte Tatsachen festzulegen.

Die Hoffnung des Tribunals scheint nun darin zu liegen, dass in Kürze weitere hochrangige Milosevic-Kumpane von Serbien ausgeliefert werden. Um ihre eigene Haut zu retten, wären diese Leute vermutlich schnell bereit, über Milosevics Machenschaften auszupacken, glaubt man in Den Haag. Doch das wäre genau genommen nicht mehr als ein Eingeständnis, dass die Anklage bis jetzt nichts Überzeugendes zusammengebracht hat.

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