Geben und nehmen: 77 Jahre Schilling

28. Februar 2002, 12:58
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Schwerer Anfang im Jahr 1924

Wien - Wenn es um neues Geld geht, ist viel Gefühl mit im Spiel - Tausende nervöse Euroschein- und Centmünzenverwechsler beweisen es derzeit täglich. Am letzten Tag vor dem endgültigen Geldbörselsieg des Euro tut da ein Blick auf die rauen Anfänge des Schilling gut, im Spiegel der damaligen Presse. Er gibt - in diesem Fall wirklich - zu Gelassenheit Anlass. Währungsreform versus aktuelle Geldumstellung: kein Vergleich.

"Der Schilling, wir brauchen es nicht zu wiederholen, ist völlig unhistorisch. Er hat keinerlei Grundlage in dem Bewusstsein des Volkes und während des Jahres, da seine Währungseigenschaften in Diskussion stehen, hat sich im ganzen Geschäftsleben nicht der kleinste Wunsch gezeigt, ihn anzuwenden", gab sich da etwa am 12.12.1924 - Tag der Einbringung des Gesetzesentwurfs über die Einführung des Kronenersatzes ab 1.1.1925 - die Neue Freie Presse der schreiberischen Schillingvernichtung hin.

Wichtiger Grund für so viel Ablehnung im damals wichtigsten Organ des liberalen Bürgertums, soweit es dieses nach Kapitalverlust durch wertlos gewordene Kriegsanleihen und Hyperinflation noch gab: "Frankreich und Tschechoslowakei" - Staaten mit, in der damaligen Einschätzung, weitaus mehr ökonomischen Überlebenschancen als Deutschösterreich - "wollen mit der Stabilisierung lieber warten, bis die abnormen Verhältnisse der Gegenwart verschwinden."

Schuldenfalle

Nicht gering zu schätzen: das Kronenschuldenproblem. Die Währungsreform machte 10.000 Kronen zu einem Schilling, wer Kronen verborgt und bis Schillingeinführung nicht zurückbekommen hatte, dem drohten massive Verluste. Diese Gefahren standen in der Berichterstattung des Zentralorgans der Sozialdemokratischen Partei Arbeiterzeitung nicht im Mittelpunkt. Ihre Leserschaft hatte in der Regel auch andere Probleme. Die Arbeiter im Münzamt etwa, die nach einem gescheiterten Schillinganlauf fürchten mussten, um ihre Löhne umzufallen, wie am 21.10.1924 berichtet wurde.

Silberglauben

Grund dafür: Die allerersten, im Juni dieses Jahres gegossenen Schillinge enthielten relativ viel Silber, was in Zeiten des Glaubens an den ewigen Wert von Edelmetallen bei gleichzeitiger tiefer ökonomischer Verunsicherung zum Hamstern einlud. Als fast alle in Umlauf befindlichen Münzen in Privatschatullen verschwunden waren, machte die Regierung einen Rückzieher: Das Münzamt wurde angewiesen, mit Stichtag 1.1.1925 neue Schillingmünzen zu produzieren. Die Arbeiter drohten auf der Strecke zu bleiben.

Überhaupt schätzten die Arbeiterzeitung-Schreiber die Währungsreform als nicht seriös ein: "Wie ernst das ganze Gesetz gemeint ist, ersieht man daraus, dass die Nationalbank bis Ende 1926 berechtigt sein soll, weiter Banknoten auf Kronen auszugeben."

Und trotzdem: Der Schilling wurde zum Erfolg, das hätten weder Bürger noch Arbeiter gedacht. Der neuen Währung Zukunftspotenzial erkannten damals nur die Schreiber der Kronen Zeitung. Wenn auch nur, wie am 12.12.1924, im Umkehrschluss: "Man wird also von der Krone Abschied nehmen. In den letzten Jahren hat sie allerdings alles getan, um sich so unbeliebt als möglich zu machen", weinten sie dem damals alten, von Inflation geschwächten Geld keine Träne nach. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.2.2002)

Von Irene Brickner
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