Erkundungstanz auf Gummi und Gesimsen

26. Februar 2002, 21:09
posten

Neues von den Choreographen Sebastian Prantl und Willi Dorner in Wien

Wien - In den vergangenen Monaten war im Tanzbereich oft die Rede von "Generation". Bald wurde klar, wer mit diesem Titel gemeint war: jene Choreographen, die heute gerade um die 40 sind und auf ihre jeweilige Art ein Spezifikum innerhalb der österreichischen Tanzlandschaft entwickelt haben. Zwei davon, Sebastian Prantl (Halle 1030) und Willi Dorner (TQW), haben nun Akzente gesetzt, haben vorgezeigt, dass Tanz hierzulande ernst genommen werden muss.

Willi Dorner hat mit seiner Compagnie - Helga Guszner, Anna MacRae und Matthew Smith - im TQW not at all zur Uraufführung gebracht. Was sich im ersten Teil noch als totale Zerstückelung des Körpers manifestiert, wobei jedes Gelenk zum phrasierten Einsatz kommt, wird im zweiten Teil des Abends umgepolt.

Wieder zur elektronischen Geräuschkulisse von Heinz Ditsch und zum Lichtkonzept von Krisha Piplits geschaffen, ist das Werk anfangs physisch wie gehabt. Dann ändert sich das Erscheinungsbild abrupt: Die drei Tänzer finden zueinander. Das ist eine strikte Modifikation der noch vor Jahren so beliebten, von Dorner gerne praktizierten, überaus dynamischen Contact-Improvisation.

Als zuschauendes Gegenüber ist man bei diesem Stück in minimaler Distanz am Geschehen dran. Da konzentriert man sich auf Details, sieht nur noch Sehnen und Muskeln in Aktion und fragt sich, was einem wohl der so oft zum Einsatz kommende Ellenbogen zu "sagen" hat. Antworten werden sich finden.

Dem Tanz unter der "imaginären Lupe" setzt Sebastian Prantl in der Erdberger Hyegasse die Betrachtung aus der Weite entgegen. Den rund 40 Meter tiefen, 20 Meter breiten Spielraum zu fünft zu bespielen ist eine Kunst. Prantl kann tatsächlich einnehmendes Flair vermitteln: Immerhin hat er ja seit Jahren gezeigt, wie man mit luftigen Höfen, Pavillons, Kirchen oder Ateliers umzugehen hat.

Prantls Projektreihe raster solo, duo, trio reiht sich, wie der Titel vorgibt. Doris Reisinger, Hana Pauknerova und Tomoko Nishino erobern sich solistisch den Raum samt grüner, gummierter Spielfläche: Das animiert zu Gesten, zum Bodenturnen oder zum Laufen. Entdeckt, betastet und erobert werden in diesem Raum alle Nischen, Fenster, Simse. Wenn dann jeder seine Spur gezogen hat, ist, eher unerwartet, die kreative Ausprägung von Anarchie zu erleben.

Prantl selbst geht in den Raum hinein und repetiert Woodstock-Parolen. Auch der Garten Eden wird zitiert. Das Paradies lässt sich zumindest in der Fantasie erkunden. Schöner hätte die Tanzhalle 1030 kaum eingeweiht werden können.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27. 2. 2002)

Von
Ursula Kneiss

  • In Willi Dorners Choreographie "not at all" werden Formern der innigen Anteilnahme erkundet
    foto: tanzquartier/ lisa rastl

    In Willi Dorners Choreographie "not at all" werden Formern der innigen Anteilnahme erkundet

Share if you care.