Junge Welt zieht Handke-"Interview" über Serbien und Milosevic zurück

21. Februar 2002, 17:41
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Laut Suhrkamp Verlag nur "Kneipengespräch am Rande der Haager Konferenz"

Wien/Den Haag/Berlin - Das in der Donnerstag-Ausgabe der deutschen Zeitung "Junge Welt" erschienene angebliche Interview mit dem österreichischen Schriftsteller Peter Handke ist von der Redaktion des Blattes zurückgezogen worden. Das teilt die Zeitung in ihrer Internetausgabe mit.

Der Suhrkamp Verlag hatte zuvor festgestellt, dass das Interview "nicht autorisiert" gewesen sei. Es handle sich bei dem "angeblichen Interview", so eine Sprecherin des Verlags gegenüber der APA, um ein "Kneipengespräch am Rande der Haager Konferenz". "Es hat kein Interview in Den Haag mit mir stattgefunden. Niemand darf und kann so reden wie der fiktive P. H. da, und schon gar nicht kann so reden der wirkliche P.H..", zitiert der Verlag Peter Handke.

In dem "Interview" hatte sich Handke "beeindruckt" von Slobodan Milosevics Selbstverteidigung vor dem Haager Kriegsverbrechertribunal gezeigt und unter anderem gemeint, "Eigentlich müssten doch alle Menschen Serbien und Slobodan Milosevic unterstützen". Vor dem Haager Kriegsverbrechertribunal habe Ex-Präsident Slobodan Milosevic "auf brillante Weise" beschrieben, was in Jugoslawien tatsächlich geschehen sei, sagte der österreichische Schriftsteller Peter Handke in einem Interview für die deutsche Zeitung "Junge Welt" am Donnerstag. "Ich bin beeindruckt von seiner Rede, seine Worte waren wundervoll!"

"Das öffentliche Bild basiert auf einer reinen Konstruktion von Lügen", kritisierte Handke. Westliche Politiker und Medien hätten versucht, die Serben als ein nationalistisches, aggressives Volk darzustellen. "Wie allseits bekannt sein dürfte, habe ich mich schon viele Jahre mit den Konflikten im ehemaligen Jugoslawien beschäftigt (...) und ich kann nur sagen: Wenn man einmal durchschaut hat, was in Jugoslawien wirklich passiert ist, dann kann man von diesem Thema nicht mehr loskommen. Darum bin ich nach Den Haag gefahren", sagte Handke.

Jugoslawien sei "mit Hilfe westlicher Regierungen zerbrochen." Die Serben im Kosovo hätten "in ständiger Angst" gelebt. "Von allen Volksgruppen auf dem Balkan sind in meinen Augen die Serben die am wenigsten nationalistischen. Die Entwicklung in den anderen Teilstaaten, erstarkende nationalistische Bewegungen in Kroatien, Bosnien-Herzegowina und eben im Kosovo, haben die Serben zu einer Reaktion gezwungen. Doch wirklich nationalistisch sind sie dadurch nicht geworden." Anders als andere Staaten habe Serbien niemals einen Angriffskrieg gegen ein anderes Land geführt, "sie haben keine Erfahrungen, wie man einen aggressiven Krieg führt".(APA)

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