Goethe: Ein Fressen für den Boulevard

20. Februar 2002, 18:48
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Man muss sich den Frauentyp, den Johann Wolfgang von Goethe, bevorzugte, wie Michelle Pfeifer vorstellen: eher klein und zierlich, blond und busig. Blauäugig. Wie halt auch das Gretchen in seinem Faust.

Die Beziehung zu Charlotte Buff war für den Sturm- und Drang-Literaten noch ein Erlebnis, das vom Duft der Haut und von der Erotik des Atems lebte. Die Verbindung mit der Bankierstochter Lili Schönemann wäre schon was Handfestes für heutige Magazine gewesen. Goethe war noch kein Handke, aber er verdiente mit der Dichterei schon mehr als in seiner Anwaltspraxis. Und jenseits des Geschnatters in der Frankfurter Gesellschaft soll die Gestalt der eleganten und souveränen Lili sich in jene der Iphigenie verwandelt haben. So richtig nach dem Geschmack der Yellow Press jedoch lief es dann in Weimar ab, wo Goethe immerhin Minister war. Christiane Vulpius, anfangs ganz das Idealbild, wird von Siegfried Schütt viel positiver dargestellt als üblich. Sie hat enorm viel ertragen, weil Goethes Affären eine Weimarer Illustrierte zumindest monatlich mit süffigen Titelstorys versorgt hätten. Vor allem Goethes "Nebenfrau", Charlotte von Stein, hat für Aufregung und Intrigen gesorgt.

Das flott geschriebene Buch verklammert (als Wiederholung) die erste und die letzte Liebe. Die des 21-Jährigen zur damals 14- oder 16-jährigen Pastorentochter Friederike von Brion sowie die des 74-Jährigen zur 18-jährigen Ulrike von Leventzow, deren Eltern er sogar einen Heiratsantrag übermitteln ließ. Das ständig bis zu den Schuhen hinunter weiß gekleidete Mädchen, das er in Marienbad bewundert, ist von Respekt erfüllt: für einen Großvater, der gleichzeitig Dichter ist. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21. 2. 2002)

Siegfried Schütt: Liebe, Liebe lass mich los. Goethe und die Frauen.

Langen Müller Verlag, München 2001 190 Seiten, 15,84 Euro

Von Gerfried Sperl
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