Der Mythos im Plüschsalon

11. Juni 2002, 21:10
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Jochen Ulrichs "Callas - La Traviata" am Tiroler Landestheater

Innsbruck - Mit den groß angelegten Ballettwerken wie Goya, Danzas Negras, Diaghilew oder Casanova begeisterte Choreograph Jochen Ulrich, der seit der Spielzeit 2000/01 Chef des Tanztheaterensembles am Tiroler Landestheater ist, durch szenisches Gespür und choreographischen Einfallsreichtum. Das waren allesamt spannend vertanzte, sehr persönliche Auseinandersetzungen mit dem Wesen und dem Umfeld außergewöhnlicher Menschen.

Am vergangenen Samstag feierte in den Innsbrucker Kammerspielen Ulrichs Callas - La Traviata Uraufführung. Ulrich wollte eine Reflexion über den Mythos Maria Callas schaffen. Wie schon bei Casanova wird die Titelheldin aufgesplittert und von drei Tänzerinnen interpretiert: Dagmar Kostolnikova gibt überzeugend die alles überragende, eigensinnige, zielstrebige Primadonna assoluta.

Irene Bauer stellt die disziplinierte, zurückhaltende und doch so feinfühlige Maria Callas dar; in Callas Glanzrolle, der Violetta aus La Traviata, ist die eher dezent auftretende Katharina Neuweg zu sehen. Das Leben der Callas wird in Fragmenten aufgerollt, wofür sich Ulrich einer ineinander fließenden Szenenfolge bedient und Parallelen zur Verdi-Oper einfließen lässt.

Die Toncollage

Biografische Details erfährt man aus Peter Kubiks Toncollage, einem Zusammenschnitt aus Callas' Originalstatements, aus Interviewpassagen von Zeitzeugen und Sequenzen aus La Traviata. Treibende Rollen kommen Sarah Deltenre als Jetset-Journalistin Elsa Maxwell und Annina (Violettas Gesellschafterin) sowie Fabrice Jucquois als Aristoteles Onassis zu.

So ist der erste Teil des zweistündigen Konglomerats von Callas' Liebe zu Onassis bestimmt. Da rauscht man von einer schrillen Party zur nächsten, gibt sich das Dreigestirn der Liebespein hin, während Onassis den unwiderstehlichen Verführer spielt. Jucquois' eher aufdringliches, eindimensionales Agieren lässt den Großreeder allerdings bloß als eitlen Geck erscheinen.

Überzeugender, straffer gebaut ist der zweite, dunkel gehaltene Teil, in dem die Tragik aus La Traviata überwiegt. Erfrischend die Auftritte der burschikosen Anna Hein (Alfredos Braut), deren energievoll-freier, jedoch kontrollierter Tanz sich äußerst positiv vom sonst vorherrschenden, recht starren Bewegungsschema und dem überzeichnet expressiven körperlichen Ausdruck abhebt.

Es mag vielleicht an der von Helfried Lauckner als Plüschsalon ausgestatteten Miniaturbühne und der nicht vorhandenen Distanz zum Publikum liegen, dass dieses als dramatisches Ballett gedachte Stück nicht zünden mag. In dieser Enge schrumpft Ulrichs an sich reiches Bewegungsrepertoire zusammen, kommt sein Sinn für Gruppierungen und Ensembletänze nicht zu tragen. Es bleiben Pas de deux, Trios, hoch geschwungene Beine und viele, viele Drehungen am Platze.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18. 2. 2002)

Von
Ursula Kneiss


WEB-TIPP:

landestheater.at

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