Ende einer langsamen Heimkehr

15. Februar 2002, 21:28
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Jörg Haider verlässt die Bundespolitik und die Baumeister der Koalition - ein Kommentar von Samo Kobenter

Mit einem Paukenschlag endet die bundespolitische Karriere von Jörg Haider. Sein Ausflug in den Irak erweist sich nun als größerer Umweg auf der Reise von Wien nach Kärnten, die bald nach der Bildung der schwarz-blauen Koalition vor zwei Jahren begonnen hat. So gesehen ist lediglich eine langsame Heimkehr an den Ausgangspunkt seines politischen Aufstieges zu Ende gegangen.

Tatsächlich aber hat Haider nicht nur seinen Ambitionen, irgendwann einmal Kanzler der Republik zu werden, mit unübersehbarem Ausdruck des Überdrusses abgeschworen. Es ist mehr als fraglich, ob die politische Seebühne in Kärnten dem Rest seines Ehrgeizes genügen wird und ob er, der den Nimbus des Aufmischers, Unruhestifters und Kämpfers gegen die bestehenden Verhältnisse wie kein anderer in Wählerstimmen ummünzen konnte, noch einmal an seine großen Erfolge selbst auf dieser kleinen Bühne anschließen können wird. Seine Ankündigung, die Legislaturperiode im Land noch abzudienen, lässt eher den Schluss zu, dass seine Geschichte auch hier zu Ende geht.

Bestimmt hat Haider die unmissverständliche Abkehr seiner Getreuen, allen voran Peter Westenthaler, getroffen. Doch im Grunde hat der Klubobmann nur ausgesprochen, was sich seit mindestens einem Jahr abgezeichnet hat: Der Kurs, auf den Haider die FPÖ bringen wollte, war für eine Partei in Regierungsverantwortung nicht zu bewältigen. Je nachdrücklicher er Grundsatztreue einforderte, wie er sie meinte, umso unmissverständlicher zeigte ihm die Mannschaft um Karl- Heinz Grasser und Susanne Riess-Passer an, dass sie ihn nicht mehr ernst zu nehmen gewillt war. Das dürfte das Selbstverständnis des Architekten der Koalition, wie ihn Westenthaler nannte, noch stärker erschüttert haben als die Kritik an seinem völlig misslungenen Irak-Abenteuer, das sich nachgerade wie ein Test für die Gefolgsbereitschaft seiner Getreuen ausnahm. Sie waren nicht mehr bereit, ihm zu folgen, sie reagierten zum ersten Mal, wie Haider selbst in kritischen Situationen zu reagieren pflegte - mit Liebesentzug. Dem Selbstbewussten und -verliebten war das dann wohl zu viel.

Nimmt sich, was jetzt von der FPÖ auf Bundesebene bleiben wird, selbst beim Wort, so stehen den "Baumeistern" der Koalition ohne den großen Planzeichnern spannende Zeiten ins Haus. Noch ist nicht ausgemacht, ob Haiders erklärte Mannen in der Regierung, Justizminister Dieter Böhmdorfer und Sozialminister Herbert Haupt, seinem verklausulierten Ruf und Beispiel folgen. Wenn sie es tun, hat die verbliebene Truppe schon die erste Nagelprobe zu bestehen und zwei Minister aus dem Hut zu zaubern, die Schlüsselstellen in der Regierung besetzen müssen.

Wie immer sich diese beiden entscheiden, in der Koalition wird sich das Kräfteverhältnissen dramatisch zugunsten der ÖVP verändern. Die wird alle Hände voll zu tun haben, den angeschlagenen Regierungspartner bis zur nächsten Wahl über die Runden zu bringen - die nun durchaus vor dem für Herbst 2003 angesetzten Termin stattfinden könnte.

Vielleicht haben sich einige in der FPÖ im Nachhinein nicht gewünscht, so rasch erwachsen zu werden, aber dem natürlichen Wachstum ihrer Gruppe entspricht das Tempo durchaus: Einer langen Kindheit folgt nun eine sehr kurze Adoleszenz. Einmal noch dürfen sie ihrem Übervater dankbar sein: Er hat losgelassen, ehe sie sich abgenabelt haben.

Die künftige Entwicklung der FPÖ ist schwer abzuschätzen. Es wäre aber ein Wunder - und die nachdrückliche Rechtfertigung seines Lebenswerkes -, könnte die FPÖ mittelfristig an den Erfolg anschließen, den ihr Haiders bei den letzten Wahlen beschert hat.

Aber genauso wenig absehbar ist, ob die Verlassenen nicht doch noch einmal ins Kärntner Canossa pilgern, wenn sie sich mit dieser Entwicklung konfrontiert sehen. Von der FPÖ hat man schon so viel erlebt, dass auch Haiders Rückkehr von der Heimkehr nicht verwundern würde. (DER STANDARD, Printausgabe, 16./17.1.2002)

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    foto: cremer
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