Milosevic will westliche Spitzenpolitiker als Zeugen laden

15. Februar 2002, 16:02
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Ex-Staatschef nennt Clinton, Annan, Albright und Kohl als Wunschzeugen vor UNO-Tribunal

Den Haag - Für seine Verteidigung vor dem Haager Kriegsverbrechertribunal will der ehemalige jugoslawische Staatschef Slobodan Milosevic den früheren US-Präsidenten Bill Clinton, UNO-Generalsekretär Kofi Annan, den deutschen Altbundeskanzler Helmut Kohl und weitere westliche Spitzenpolitiker als Zeugen laden. Mit Ausnahme des deutschen Bundeskanzlers Gerhard Schröder (SPD) und des britischen Premierministers Tony Blair, mit denen er selbst nicht gesprochen habe, wolle er "alle" zu den Verbrechen im früheren Jugoslawien befragen, sagte Milosevic am Freitag am zweiten Tag seiner Anklage-Erwiderung. Mit Fotos von verstümmelten Kindern und verbrannten Leichen versuchte der ehemalige Machthaber erneut, die NATO und die USA als Kriegstreiber darzustellen.

Neben Clinton wollte Milosevic unter anderen weiters den deutschen Verteidigungsminister Rudolf Scharping (SPD), den früheren Außenminister Klaus Kinkel (FDP), die ehemalige US-Außenministerin Madeleine Albright und die Unterhändler bei den Friedensverhandlungen von Dayton vor das Tribunal laden lassen. Er wolle alle befragen, mit denen er persönlich gesprochen habe, sagte der Ex-Präsident. Bereits am Donnerstag hatte er den französischen Präsidenten Jacques Chirac als möglichen Zeugen genannt. Nach den Regeln des UNO-Kriegsverbrechertribunals können Anklage und Verteidigung ihre Zeugen nach Wunsch benennen. Eine Vorladung kann aber nicht erzwungen werden.

NATO ist für Milosevic für Massenflucht im Kosovo verantwortlich

Wie am Vortag machte Milosevic die NATO für die Massenflucht albanischer Zivilisten aus dem Kosovo im Frühjahr 1999 verantwortlich. Als Beweismaterial legte er drei Stunden lang Fotos von zerbombten Häusern und grausam zugerichteten Leichen vor, deren Namen und Alter er einzeln benannte. Die NATO habe vorsätzlich Zivilisten bombardiert, sagte der 64-Jährige. Das Bündnis habe damit Massenflucht auslösen wollen, um dann die serbischen Truppen der Vertreibung der Albaner zu bezichtigen. Die Flucht der Albaner aus dem Kosovo sei für die Clinton-Regierung als Rechtfertigung für ihr Tun "strategisch wichtig" gewesen.

Der Kosovo-Krieg sei "sinnlos" und ein "Verbrechen" gewesen, sagte der Serbe Milosevic. Die 78 Tage dauernden Luftangriffe hätten internationales Recht verletzt und den Auszug der Albaner bewirkt. So sei die Bombardierung eines Flüchtlingstrecks mit bis zu 600 Menschen im Kosovo Absicht gewesen. Die Hunderttausenden von Albanern, die 1999 während des NATO-Luftkrieges gegen Jugoslawien geflohen seien, seien nicht, wie von internationalen Medien berichtet, von Serben vertrieben worden, sondern von ihren eigenen Landsleuten. Die UCK habe die "Illusion eines Exodus" geschaffen. An der Grenze hätten bereits Hunderte von Kameraleuten darauf gewartet, die angeblichen serbischen Missetaten zu dokumentieren.

NATO habe Zivilisten bewusst getötet

Der NATO warf Milosevic vor, bei den Luftangriffen gegen Jugoslawien bewusst Zivilisten getötet zu haben. Auch der Angriff auf die chinesische Botschaft in Belgrad sei kein Zufall gewesen. Clinton habe als der erste "Mensch, der chinesisches Gebiet bombardiert" in die Geschichte eingehen wollen. Die NATO hatte bei beiden Angriffen einen Irrtum eingeräumt. Milosevic hat noch bis Montagmittag Zeit, zu den Vorwürfen gegen ihn Stellung zu nehmen. Anschließend beginnt das Gericht mit der Zeugenbefragung.

Milosevic hatte bereits am Donnerstag in einer vierstündigen Verteidigungsrede den Kriegsverbrecherprozess gegen sich als Schandtat gegen eine ganze Nation kritisiert. Den NATO-Luftkrieg gegen Jugoslawien 1999 bewertete er als Kriegsverbrechen. Gegen ihn würden hingegen nur "Lügen" aufgetischt, sagte Milosevic, der sich selbst verteidigt. Die Wahrheit finde sich "nur als Atom, weniger als ein Atom in dem Ozean von Lügen". Milosevic griff wie bereits am Vortag die anwesenden Ankläger persönlich an.

Der Prozess gegen Milosevic hatte am Dienstag begonnen. Das Tribunal wirft dem früheren Staatschef vor, während der Kriege in Kroatien (1991-1995), Bosnien (1992-1995) und Kosovo (1998-1999) Völkermord, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen zu haben. Das Verfahren wird nach Einschätzung der Chefanklägerin Carla Del Ponte etwa zwei Jahre dauern. Milosevic droht lebenslange Haft. Die serbische Regierung hatte das ehemalige Staatsoberhaupt im Juni vergangenen Jahres ausgeliefert. Milosevic bezeichnet das vom UNO-Sicherheitsrat gegründete Tribunal als illegal und verzichtet auf einen Rechtsbeistand.(APA/dpa/Reuters)

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