Kinderlos durch Pestizide

15. Februar 2002, 12:56
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Umweltmediziner warnt vor Genuss von belastetem Gemüse und Obst

Innsbruck/Wien - "Natürlich fällt man nicht gleich morgen tot um", relativiert Klaus Rhomberg. "Es kann sogar sein, dass wir 100 Jahre alt werden. Aber es kann auch sein, dass wir unfruchtbar und keine Enkelkinder mehr haben werden", weist der Innsbrucker Umweltmediziner im Standard-Gespräch auf eine der möglichen Folgen einer permantenen Aufnahme von Pestiziden über die Nahrungskette hin.

Giftstoffe in den Lebensmitteln sind allgegenwärtig

Das Problem der Giftstoffe in den Lebensmitteln sei allgegenwärtig, wie auch laufende Kontrollen zeigten. Bei flächendeckenden Untersuchungen wurden erst im Herbst bei so ziemlich allen im Supermarkthandel erhältlichen Gemüse- und Obstsorten, die konventionell angebaut wurden, Pestizidrückstände entdeckt.

Es sei Kenntnisstand der Wissenschaft, dass die Pestizide auf den Hormonhaushalt wirken und "Regelkreise im Körper" stören. Eine wesentliche Folge der permanenten Aufnahme von Pestiziden sei eben eine mögliche Unfruchtbarkeit, die in zunehmendem Maße in den Industrieländern, aber auch speziell bei Bauern, die mit Pestiziden hantieren, zu beobachten sei. Die Wahrscheinlichkeit, kinderlos zu bleiben, habe sich seit den Sechzigerjahren verdreifacht. Die Schadstoffe wirken aber auch auf das Zentralnervensystem, was wiederum Schlafstörungen und psychische Erkrankungen auslösen könne.

Als gesichert gelte auch, sagt Rhomberg, dass die Aufnahme von Pestiziden mitverantwortlich für die Entstehung von Krebserkrankungen (Brust, Hoden, Prostata) sei. Weniger gefährlich, aber überaus unangenehme weitere Folgen: Schlaflosigkeit und Allergien. Rhomberg: "Es ist völlig neu, dass plötzlich 50- oder 60-jährige Menschen Allergien entwickeln."

Giftcocktails

Man wisse zwar heute, dass Pestizide mitverantwortlich für die Entstehung von Krankheiten sind, unklar seien aber noch die exakten Wirkungsmechanismen. Auch, wenn Obst und Gemüse gleich mit mehreren Pestizidsorten ("Pestizidcocktails") kontaminiert sind. Es sei offen, wie sich die Kombination der Substanzen - auch wenn sie im Grenzbereich bleiben - im Körper entfalte.

Was also tun? Auch Rhomberg ist ratlos: "Es ist eine brutale Welt. Jene, die es sich leisten können, können auf Bioprodukte umsteigen. Die anderen müssen notgedrungen die kontaminierten Sachen verzehren. Es ist ja auch innerhalb des Agrarsystems kaum möglich, großflächig Bioprodukte anzubieten." (Walter Müller, DER STANDARD Print-Ausgabe 15.2.2002)

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