Sentimentaler Sozialkitsch

11. Februar 2002, 21:47
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Zur Uraufführung des "Elephant Man" an der Prager Staatsoper

von Reinhard Kager


Prag - Ausgestellt im Kuriositätenkabinett eines Jahrmarkts, ausgestoßen und verhöhnt als "Elephant Man": Der 1862 geborene Joseph Merrick, deformiert vom "Proteus-Syndrom", hatte es schwer in der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts. Die sozialen Konsequenzen dieser Krankheit bildeten 1980 das Thema von David Lynchs anrührendem, doch unsentimentalem Film.

Um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen, musste Merrick eine Zeit lang sogar die Erniedrigung auf sich nehmen, auf einem Jahrmarkt als Kuriosum zur Schau gestellt zu werden. Erst ein junger Arzt holte den Kranken zur Behandlung in seine Klinik. Kann Oper antreten gegen einen hervorragend gemachten Film? Wohl nur dann, wenn sie eine eigene, theatrale Dramaturgie sucht, um musikalisch in das Innenleben des Betroffenen zu leuchten.

Bieder erzählte Geschichte in vier Akten

Aber gerade das machen Laurent Petitgirard und sein Librettist Eric Nonn nicht. Joseph Merrick dit Elephant Man, unter der Leitung des Komponisten an der Prager Staatsoper uraufgeführt, erzählt die bekannte Geschichte bieder in vier Akten, ohne dass die Musik je übers Illustrierende hinauskäme.

Der 1950 geborene Franzose war bislang vor allem als Autor von rund 130 Filmmusiken hervorgetreten. Man hört es: Die penetrant wiederholten Melodien in den Szenen von Merrick erinnern an schlechten Gounod oder Fauré, die rhythmisch einfallsreicher gestalteten Massenszenen wiederum an Bernsteins Musicals oder an Minimal Music.

Dramaturgischen Errungenschaften des 20. Jahrhunderts ignorierend

Die dramaturgischen Errungenschaften des 20. Jahrhunderts ignorierend, wärmt Petitgirard sogar die alte Nummernoper wieder auf. Sein Stil ist eklektizistisch und handwerklich problematisch: denn die beständigen instrumentalen Verdoppelungen der Singstimmen lassen die Sänger trotz oft sparsamer Begleitung nicht präsent genug über die Rampe kommen. Historisierend ist auch die Inszenierung von Daniel Mesguich, die in Koproduktion mit der Oper von Nizza erarbeitet wurde:

Vor einem angedeuteten Theaterbau und hohen Metallrampen wird der Thespiskarren mit dem "Elefantenmenschen" vor die in historische Kostüme gekleideten Schaulustigen gekarrt. Dass auch die eigentlich im Krankenhaus spielenden Szenen im Inneren dieses ramponierten Logentheaters gezeigt werden, soll die permanente Zurschaustellung Merricks unterstreichen.

Bemüht und ambitioniert und trotzdem "daneben"

Die Mezzosopranistin Jana Sýkorová verkörpert ihn in einem realistisch nachgebildeten Deformationskostüm. Doch trotz der Bemühungen des kompakten Ensembles landet diese Produktion der sonst so hoch ambitionierten Prager Staatsoper nur in sentimentalem Sozialkitsch, der - ohne dies zu wollen - Merrick selbst Hundert Jahre nach seinem Tod noch einmal zum Schauobjekt macht.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.02. 2002)

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