"Machismo ist ein Problem"

7. Februar 2002, 19:54
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Mary Gunn leitet in Chile ein von Österreich mitfinanziertes Frauenförderungsprojekt - Im Gespräch mit dieStandard.at

"Im Jänner und Februar arbeite ich am Land bei der Traubenernte. Es gibt eine Mindestanzahl an Kisten, die man füllen muss. Wir haben 15 bis 30 Minuten zum Essen, dann müssen wir bis 22 Uhr weiterarbeiten und auch noch die Kisten auf die Lastwägen schleppen. Manchmal komme ich erst um zwölf Uhr Mitternacht heim und muss dann noch für die Kinder das Essen für den nächsten Tag zubereiten. So geht das die ganze Woche, auch Samstag und Sonntag."
(Angelina Herrera Barrera)

Dieser Erfahrungsbericht einer chilenischen Saisonarbeiterin ist kein Einzelfall: Immer mehr Frauen in Chile arbeiten in der saisonalen Obsternte. Sie ist zwar besser bezahlt als beispielsweise die traditionelle Arbeit als Hausangestellte, doch sind die Arbeitsbedingungen von SaisonarbeiterInnen sehr schlecht.

Zwölf bis 14 Stunden im Stehen arbeiten

"Frauen, die für die Verpackung des Obst zuständig sind, müssen zumeist in kleinen heißen Räumen, zwölf bis 14 Stunden im Stehen arbeiten. Es gibt keine Gewerkschaft, die sich für ihre Rechte einsetzt", erzählt Mary Gunn im Gespräch mit dieStandard.at. Die 47jährige kanadische Staatsbürgerin, ausgebildete Lateinamerikanistin und Sozialarbeiterin lebt seit nunmehr über 20 Jahren in Chile. Dort leitet sie die Sozialabteilung der Diözese San Felipe. Kürzlich war sie anläßlich des Familienfasttages und auf Einladung der Katholischen Frauenbewegung einige Tage in Österreich.

Mit finanzieller Unterstützung aus Österreich hat die Sozialabteilung der Diözese San Felipe ein interdiözesanes Projekt zur Frauenförderung geschaffen. "Wir arbeiten hauptsächlich mit 'Temporeras', das sind Saisonarbeiterinnen, eben um deren Situation zu verbessern", so Gunn. Das Frauenförderungsprojekt ist in drei "Arbeitsphasen" aufgeteilt:

"Viele Frauen erlitten in irgendeiner Form Gewalt"

Zunächst geht es um die Persönlichkeitsentwicklung dieser Frauen. Es seien meist Frauen mit wenig Selbstvertrauen, die unter Depression leiden, da sie beispielsweise sexuell mißbraucht worden sind oder in anderer Form Gewalt erleben mussten. "Machismo ist ein Problem", seufzt Mary Gunn. Genau hier setzt das Projekt der Diözese an: Unter der Leitung einer Psychologin erhalten Frauen in Kleingruppen drei Monate lang die Möglichkeit, über ihre Probleme zu sprechen. "Oftmals ist es das erste Mal, dass die darüber reden können...", weiß die Sozialarbeiterin.

Möglichkeiten, das Haus zu verlassen

Der zweite Arbeitsschritt ist die Sensibilisierung für die Gemeinschaft: Frauen können an Seminaren und Vorträgen (z.B. über ihre arbeitsrechtliche Situation oder über sexuellem Missbrauch) teilnehmen, die die Sozialabteilung je nach Bedarf organisiert. Es werden Arbeitsgruppen (z.B. die Bibel mit einem weiblichen Blick lesen) und Theatergruppen gegründet, die für engagierte Frauen offenstehen und ihnen eine Möglichkeit bieten, das Haus – immer noch traditioneller Aufenthaltsort der Frau - zu verlassen. "Bis heute müssen manche Frauen ihren Ehemann noch um Erlaubnis fragen, ob sie das Haus verlassen dürfen", erzählt Gunn.

Frauen als Akteurinnen stärken

Drittens unterstützt dieses Projekt Initiativen von Frauengruppen. Frauen werden damit als Akteurinnen gestärkt und erlangen Zugang zu eigenen finanziellen Mitteln. "Auf diese Weise haben einige Frauen in Eigenregie und Selbstverwaltung einen Bäckereibetrieb aufgebaut", berichtet Mary Gunn stolz. Besonders glücklich ist sie über die Frauen-Theatergruppe, die selbst Theaterstücke über die eigene Situation schreibt und aufführt. Mary Gunn: "Kürzlich waren US-Parlamentarier zu Besuch in San Felipe. Sie waren ganz beeindruckt vom Theaterstück und der Art der Frauen, ihre eigene Situation expressiv darzustellen."

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