Kahlschlag im Autohandel

6. Februar 2002, 17:44
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Wettbewerbskommissar Mario Monti hat die Autowelt in ihren Grundfesten erschüttert

Die scharfen Reaktionen der Automobilkonzerne lassen keinen Zweifel: Wettbewerbskommissar Mario Monti hat die europäische Autowelt in ihren Grundfesten erschüttert - mit seinem jetzt bekannt gewordenen Entwurf für eine Neuordnung der rechtlichen Rahmenbedingungen des Autovertriebs.

Bisher konnten die Hersteller ihre Händler nämlich an der kurzen Leine halten, ihnen Jahresverkaufszahlen für jedes Modell vorschreiben, Investitionen in teure Verkaufspaläste diktieren und die Verkaufsgebiete nach Belieben verkleinern oder vergrößern, je nach gerade opportuner Strategie.

Viele Autohändler, die in den 50er-, 60er-Jahren als kleine Werkstätten gestartet waren, lebten damit aber nicht einmal schlecht und sind heute angesehene und wohlhabende Unternehmer in ihren Bezirken, dank geschützter Verkaufsgebiete.

Heile Welt bekommt Kratzer

Mit der heilen Welt könnte dank Monti nun ab Oktober Schluss sein: Autohändler - und das werden vor allem große, finanzstarke Ketten sein - dürfen auch Filialen in anderen EU-Staaten eröffnen und dort Verträge zu den Preisen ihres Heimatlandes schließen. "Ein VW-Händler aus Amsterdam könnte zum Beispiel in Großbritannien ein Verkaufsbüro eröffnen und dort einen VW Golf zu dem 23 Prozent geringeren niederländischen Preis verkaufen", sagte der Kommissar. Auch Supermarktkonzerne könnten damit theoretisch ins Geschäft einsteigen, denn niemand könne diesen verbieten, sich einen Großhändler zu suchen, der ihnen die Wagerln verkauft.

Die Autohersteller können künftig am Alleinvertriebssystem festhalten. Ob das weiterhin attraktiv ist, sei dahingestellt. Denn den Herstellern ist es wichtiger, ihre Überkapazitäten auszulasten und ihre produzierten Autos auch zu verkaufen.

Zeter und Mordio

Autoindustrie und Händler schreien jetzt Zeter und Mordio und hoffen auf Politiker aus den Autoländern Deutschland, Italien und Frankreich, dass diese Druck ausüben. Tausende Arbeitsplätze im Automobilhandel seien gefährdet. Die Entscheidung liegt aber im Endeffekt alleine bei der Kommission.

Die unterschiedlichen Nettopreise in der EU begründete der Handel stets mit den unterschiedlichen Steuerbelastungen - in Österreich gibt es beispielsweise 20 Prozent Umsatzsteuer plus eine Normverbrauchsabgabe (maximal 16 Prozent). Weiterer Druck auf die Autopreise ist aber sicher, wenn in Euroland Händler europaweit Neuwagen - etwa übers Internet - anbieten dürfen.

Das Problem dabei: Weitere Klein- und Mittelbetriebe werden der finanzstarken Konkurrenz großer Handelskonzerne oder den herstellereigenen Händlerstrukturen nicht standhalten können; das heißt, die Anzahl der Anbieter könnte insgesamt schrumpfen. Diese Filialen von großen Autohandelskonzernen können dann nicht mehr mit dem Einserschmäh des Autokäufers ausgespielt werden, der da ging: "Aber Ihr Kollege aus X gibt mir viel mehr Prozente." (DER STANDARD, Printausgabe 7.2.2002)

Analyse von Leo Szemeliker
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