"Gewöhnungsbedürftiger Ambulanzjet"

1. Februar 2002, 23:44
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Wenig Enthusiasmus für den neuen Namen der ehemaligen Swissair: "Darf ein Unternehmen das Label eines Landes übernehmen?"

Bern/Basel/Wien - Die neue Schweizer nationale Fluggesellschaft wird, wie am Donnerstag bekannt wurde, unter dem Namen "swiss" abheben. Als Logo wurde ein weißes Kreuz auf rotem Grund auserkoren. Swiss wird aus der bisherigen Europa-Regionalfluggesellschaft Crossair und Teilen der bankrotten Swissair gebildet. Die neue Schweizer Fluggesellschaft ist Nachfolgerin der traditionsreichen Swissair, die im Vorjahr nach einer missglückten Expansion mit Milliardenschulden zusammengebrochen ist.

In der Schweizer Presse hat der neue Name ein lebhaftes Echo ausgelöst. Von Enthusiasmus kann allerdings keine Rede sein, wie eine Rundschau durch die schweizerische Medienlandschaft zeigt:

Die größte Schweizer Tageszeitung "Blick" ist geteilter Meinung: "Die Crossair ist tot - es lebe die swiss", heißt es. Man fragt sich, ob swiss Aufnahme in eine der etablierten Flugallianzen findet.

Am deutlichsten begrüßt der "Tages-Anzeiger" das Re-Design: "Der Name ist kurz, erinnerungsfreundlich, kommt ohne Firlefanz aus. Er bedeutet: Wir sind von heute". Wesentlich verhaltener gibt sich die "NZZ": "Wird man sagen, ich fliege mit der swiss? Vielleicht landet man plötzlich wieder bei Swiss Air".

"Mit Mythen allein holt man keine Kunden"

Der Kommentator der "Aargauer Zeitung" meint: "Auch das "verschlankte Schweizer Kreuz auf den Heckflossen ist nicht das Gelbe vom Ei". Kritisch auch die "Neue Luzerner Zeitung": Von der Swissair zur swiss - das ist nur logisch, denn der alten Airline sei sprichwörtlich die Luft ausgegangen. Die Nähe zum alten Namen sei nicht abwegig, "doch mit Mythen allein holt man keine Kunden."

Die "Südostschweiz" lobt: "In seiner Simplizität ist swiss fraglos ein großer Wurf". Die "Basler Zeitung" sieht sich vom rot beschrifteten weißen Rumpf und dem Schweizer Kreuz am Heck an einen Ambulanzjet erinnert. Und leicht gehe der Name trotz der Kürze nicht über die Lippen.

"Mut zum Risiko"

"Etwas gewöhnungsbedürftig" ohne originell zu sein ist der neue Name für den "Bund". "Mut zum Risiko" bescheinigt hingegen die "Berner Zeitung" dem Verantwortlichen des neuen Auftritts, dem kanadischen Designer-Star Tyler Brule. Allerdings stellt sie die Frage: "Darf ein Unternehmen das Label eines Landes übernehmen? Was ist, wenn swiss pleite geht?"

Kein gutes Haar an swiss lässt die größte Westschweizer Tageszeitung "Le Matin" aus demselben Grund: "Müssen wir schlimmstenfalls den Namen unseres Landes ändern, weil die 'Kreativen' einen 'Coup' landen wollten?"

"Switzerland is back in fashion"

Die "Financial Times" meint: "Switzerland is back in fashion" - drei Jahre zuvor während der Holocaust-Debatte sei sie es nicht gewesen. Nun werde das Schweizerische nicht mehr mit Langeweile assoziiert. Die Europa-Ausgabe des "Wall Street Journal" erwähnt swiss dagegen mit keinem Wort. Dafür findet hier der Jahresabschluss der Valora Holding in Bern Platz.

In Belgien, wo Swissair wegen der Verbindung zu Sabena bisher stets ein Thema für die Medien war, wurde der neue Name verhalten bis gar nicht zur Kenntnis genommen. Die große französischsprachige Tageszeitung "Le Soir" verlor darüber am Freitag gar keine Zeile. "La Libre Belgique" greift das Thema unter dem Titel "Swiss soll die Schmach von Swissair vergessen machen" nur kurz und humorvoll auf. (APA)

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