. . . und die wesentliche Bedrohung ist "unsichtbar"

31. Jänner 2002, 22:09
posten

Prekärer als die Situation der Betreiber sind die Zahlen im Verleihsektor - Eine Analyse von Claus Philipp

Wien - Man möchte den Kleinen Prinzen von Saint-Exupéry herbeizitieren: "Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar", heißt es dort, freilich in einem anderen Zusammenhang. Wenn aber gegenwärtig vor dem Hintergrund des Niedergangs der City Cinemas eine gefährliche Dominanz der Constantin Film als Kinobetreiberin beschworen wird, dann übersieht man ungleich prekärere Zahlen im Verleihsektor.

Wichtig ist ja nicht nur, wo und wie welche Filme gespielt werden: Ganz wesentlich ist auch, welche Verleihe die Kinos jeweils beliefern - oder auch nicht. Allein in diesem Sektor hatten die City Cinemas als Minikonkurrenten der Constantin Probleme. Als etwa Bruce Willis im Thriller The Sixth Sense für volle Säle sorgte oder zuletzt der ebenfalls von der Constantin verliehene Schuh des Manitu Rekordzahlen schrieb - dann wurden diese Cashcows den City Cinemas bewusst vorenthalten. Das heißt: Während das Publikum in die anderen, Constantin-eigenen Kinos steuerte, musste sich etwa das Gartenbau Kino mit zweitbester Ware bescheiden.

Präsent sind immer nur ganz wenige Filme in möglichst hoher Kopienzahl

Derartige Belieferungsstrategien sind umso prekärer, als der Blick auf die wöchentlichen Einspielergebnisse zeigt: Im Rahmen der heutigen internationalen Marktstrategien sind immer nur ganz wenige Filme in möglichst hoher Kopienzahl präsent und erfolgreich. Der Rest ist, sofern er nicht von vornherein Nischen in Programmkinos bedient, eine Art von besseren Trittbrettfahrern.

In diesem Kontext schmerzte es wiederum die Constantin, als sie im vergangenen Jahr durch den Niedergang ihres deutschen Partners Kinowelt plötzlich die Verleihrechte am ersten Teil von Der Herr der Ringe verlor. Sie gingen an Warner Bros., wo man wiederum keine Interessen im Abspielsektor verfolgt, sondern eine möglichst weitläufige Präsenz am Markt forciert. In Folge war die Tolkien-Verfilmung natürlich auch im Gartenbau Kino zu sehen.

Fahle Gesicher bei der Constantin-Konkurrenz

Mit einiger Genugtuung vermeldete die Constantin-Geschäftsleitung vergangene Woche nun aber eine Neuigkeit, die branchenintern bei der Konkurrenz für fahle Gesichter sorgt: Nach einer kurzfristigen Trennung von der zum Imperium Leo Kirchs gehörigen Concorde Film hat man deren Verleih-Agenden nun übernommen.

Dies verleitet zu erhellenden Zahlenspielen: Eine Recherche des STANDARD ergab, dass die Constantin-Filme über 23 Prozent vom Gesamtumsatz des Kinojahres 2001 einspielten und damit in firmeneigenen und anderen Kinos zum Marktführer avancierten (wozu Der Schuh des Manitu wesentlich beitrug). Die Concorde Film erwirtschaftete einen Marktanteil von etwa 2,5 Prozent. Beide Verleiher zusammen verzeichneten etwa 4,6 Millionen Besucher. Dies entspricht in etwa einem Viertel des Marktes, der sonst weitgehend von US-Studioverleihern bespielt wird, die aber wiederum die Constantin-Kinos brauchen.

Drastischere Ergebnisse auf dem so genannten "Independent"-Markt

Ungleich drastischere Ergebnisse zeitigt aber ein Blick auf den so genannten "Independent"-Markt, also die Segmente, die nicht zu den Hollywood-Verleihen zählen: Hier liegt die Constantin im Jahr 2001 mit rund 67 Prozent Marktanteil überwältigend in Führung, gefolgt vom Wiener Filmladen (14 Prozent). Die Concorde Film liegt bei 7,2 Prozent. Was für Vorteile die Übernahme jetzt bedeutet, kann man sich ausmalen:

Der Druck auf Konkurrenten, die Constantin- und Concorde-Filme nicht nur zeigen wollen, sondern auch tatsächlich brauchen, erhöht sich weiter. Multiplex-Betreiber, die im übersättigten Kinomarkt gegen schütter besetzte Säle ankämpfen, können im wahrsten Sinn des Wortes ausgehungert werden.

Wie gesagt: Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar. Als man die Gründung der City Cinemas auch als Kampfmaßnahme gegen ein drohendes Constantin-Markt-monopol feierte und Kinoförderung halbherzig per Gießkanne betrieb, hat man die rasende Dynamik des Marktes zu wenig mitbedacht. Wieder gilt: Jahrelange Versäumnisse der Politik erzeugen Mangel an Vielfalt.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 01.02. 2002)

Share if you care.