Wer siegen will, hat immerhin die Chance dazu

1. Februar 2002, 13:09
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Mitten im Olympia-Countdown wird Österreichs Eishockey-Team vor den Vorhang gebeten

Wien - Kagran und das Trainingslager in Wien sind gewesen, der Sommer ist es wohl auch. "Es wird Zeit, dass wir in den Winter kommen", sagte Martin Ulrich, im T-Shirt vor der Eishalle auf die Abfahrt wartend. Ulrich wird in Nordamerika zu Österreichs Rekord-Internationalen, 160 Partien hat er bestritten, in der nächsten wird er den Vorarlberger Gerhard Puschnik ein-, in der übernächsten überholen.

Die Bestmarke fällt, bevor noch die Spiele beginnen - Österreich testet in Salt Lake City zunächst gegen Frankreich, Weißrussland und die Ukraine. Olympisch wird's dann ab 9. Februar, Gegner in der Vorrunden-Gruppe A sind Lettland, Deutschland und die Slowakei, nur der Gruppenbeste steigt auf, er darf sich dann entweder mit Tschechien, Kanada und Schweden oder aber mit Russland, Finnland und den USA messen.

Genau das wär's. Und man kann natürlich die Augen schließen und träumen. Und daran denken, dass Lettland schon bei der WM '99 besiegt wurde, die Slowakei bei der WM '96 und bei Olympia '98 einmal ganz und einmal halb unter die Räder kam, dass Spiele gegen Deutschland quasi Derbys sind und also eigene Gesetze haben. Kann man alles. Und tut man natürlich. Auch wenn Ulrich, der das Jahr über in der deutschen Liga für Düsseldorf hackelt, hinter vorgehaltener Hand und (halb) im Spaß sagt: "Für uns zählt in Salt Lake City nur eines - das Match gegen die Deutschen."

Man kann aber auch auf die Statistiker hören, sie träumen höchst selten und berichten, dass Österreich gegen Lettland von fünf Spielen eines, gegen Deutschland von neun Spielen zwei und gegen die Slowakei von 13 Spielen ebenfalls zwei gewonnen hat. Österreichs Teamchef Ron Kennedy hält es mit den Statistikern. "Wir sind dreimal krasser Außenseiter", sagt er, "wir sind zum dritten Mal en suite bei Olympia, das allein ist eine Leistung." 1994 (Lillehammer) und '98 (Nagano) wurde Österreich jeweils Letzter, speziell vor vier Jahren war Pech dabei, da wurde in der Vorrunde gegen die Slowakei und Kasachstan remisiert.

Laut Kennedy hält sich der Druck in Grenzen, schließlich gibt's im Gegensatz zur WM keinen Absteiger. Olympia bedeute für jeden einzelnen Spieler "eine super Möglichkeit, Werbung für sich zu betreiben. Weil bei allen Spielen werden Scouts ohne Ende sein." Österreich verfügt bereits über einige Cracks, die im Ausland tätig sind, entweder in Nordamerika (Divis, Lakos, Pöck) oder in Schweden (Kalt, Trattnig) oder in Deutschland (Brandner, Martin Hohenberger, Lavoie, Ulrich, Unterluggauer, Wheeldon). Dieter Kalt junior, der Sohn des Verbands-Präsidenten, führt in der starken schwedischen Liga die Torschützenliste an, Goalie Reinhard Divis hat in einer NHL-Partie schon die Ersatzbank gedrückt.

Die anderen Spieler, die der heimischen Uniqa-Liga entstammen, sollen in den Tests und Trainings an das höhere Niveau herangeführt werden. "Good work, boys", sagt Kennedy nach jeder Einheit, und er spricht von der guten Stimmung, die so wichtig ist. "Auf dem Papier sind wir Vierter in unserer Gruppe", sagt er, "und die anderen sind technisch stärker als wir. Unsere Stärken sind der Kampfgeist und die Disziplin. Wir wollen jedes Spiel gewinnen, vielleicht können wir es auch. (Fritz Neumann, Der Standard, Printausgabe, 01.02.02)

Das Eishockey-Team war der größte Teil der ersten Abordnung, die von Österreich gestern nach Salt Lake City geflogen ist. Trainer Ron Kennedy und seine Spieler träumen einen Traum.
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