Kunst-Krimi um einen Sammler ohne persönliche Erben

31. Jänner 2002, 23:13
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Seitdem der Arzt Gustav Rau seinen Gemäldeschatz der UNICEF vermacht hat wird gestritten - sogar die Umstände seines Todes werden angezweifelt

Stuttgart - Die Geschichte klingt rührend. Doch manche spekulieren über einen längst nicht abgeschlossenen Kunst-Thriller: Ein Kunstsammler ohne persönliche Erben vermacht seine gewaltige Kunstsammlung der UNICEF, damit das UN-Kinderhilfswerk mit dem Bilderschatz im Schätzwert von 500 Millionen Euro (6,88 Mrd. S) Gutes tun möge in der Dritten Welt. Doch rund um Schenkung und Erbe des am 3. Jänner in Stuttgart gestorbenen Arztes Gustav Rau streiten Anwälte, Stiftungen und Bevollmächtigte.

Vorwürfe von Verleumdung bis Veruntreuung

Dabei geht es um die Geschäftsfähigkeit des zuletzt schwer kranken Rau, um Vorwürfe von Verleumdung bis zu Veruntreuung. Der Lager-Ort eines Teils von Raus Bildern ist bisher nicht öffentlich bekannt, manche sprechen davon, Werke seien "verschwunden". Und selbst an einen natürlichen Tod des fast 80-jährig gestorbenen Rau wollen nicht alle Beteiligten glauben. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart ließ die Leiche obduzieren, ohne Hinweise auf ein Fremdverschulden, wie es vorläufig hieß. Das schriftliche Ergebnis wird aber nicht vor Ende Februar vorliegen. Offen ist auch noch, wann Raus Testament beim derzeitig zuständigen Notar in Konstanz geöffnet wird.

Weltweit eine der bedeutendsten privaten Kunstsammlungen mit etwa 750 Kunstwerken

Zwei Jahrzehnte hatte Rau in Afrika gearbeitet, ein Krankenhaus gegründet und aus der Ferne bei Auktionen die eigene Kunstsammlung aufgebaut, gestützt durch ein mächtiges Erbe. Das Ergebnis: eine der weltweit bedeutendsten privaten Kunstsammlungen mit insgesamt etwa 750 Kunstwerken. Über Jahre hinweg gründete der ledige und kinderlose Mann mehrere Stiftungen mit dem Ziel, sein Vermögen nach seinem Tod Hilfsorganisationen für die Dritte Welt zu vermachen.

UNICEF als Universalerbe

Doch Rau soll seine Meinung geändert und den Stiftungen den zugesagten Kunstschatz entzogen habe: Denn im vergangenen September, bereits schwer gezeichnet von Krankheit, schenkte er in Stuttgart 622 Exponate der UNICEF. In einem Erbvertrag aus dem Jahr 1999 war das Hilfswerk bereits als Universal-Erbe eingesetzt worden.

"Nicht mehr geschäftsfähig"

Und genau hier beginnt der Streit: Denn die UNICEF ist nach Ansicht der Genfer Anwältin Teresa Giovannini nicht der rechtmäßige Besitzer und Erbe des Kunstschatzes. Vielmehr habe Rau seinen Besitz - insgesamt 756 Kunstobjekte - bereits 1997 durch Schenkungsvertrag an die Crelona-Stiftung in Liechtenstein übertragen, die ihn wiederum an die in der Schweiz liegende "Dritte-Welt-Stiftung" weiterzugeben habe. Die Schenkung an die UNICEF und das Testament habe der greise Rau in nicht mehr geschäftsfähigem Zustand unterzeichnet.

Der Verbleib der Bilder ist ungeklärt

Raus enge Vertraute Sigrid Thost und sein Privatsekretär Robert Clementz, gehen gerichtlich gegen Giovannini vor. Sie behaupten die vollständige Sammlung sei immer Eigentum Raus gewesen. Er habe der Crelona- Stiftung die Übereignung nur unverbindlich als Absichtserklärung in Aussicht gestellt. An UNICEF sei Rau herangetreten, als er die fehlende Organisationsstruktur der "Dritte-Welt-Stiftung" entdeckt habe. Und die vermeintlich verschwundenen Bilder lagerten in einem Depot. Über den derzeitigen Verbleib der Exponate schwiegen sich die Anwälte allerdings aus.

Leidtragende ist die UNICEF

Rechtsanwälte und Notare werfen sich Nacht- und Nebelaktionen vor, Unterschlagungen und Verleumdungen. Solange der Rechtstreit ohne Ergebnis ist, könnte UNICEF die Leidtragende sein. Ihr eigens eingesetzter Kunstbeirat dürfte sich schwer tun, international Käufer für Gemälde oder Skulpturen zu finden, deren Eigentümer noch nicht feststeht. "Es ist kein Mensch am Kauf eines Objektes interessiert, das Gegenstand eines noch anhängigen Rechtsstreites ist", heißt es bei UNICEF. (APA/dpa)

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