Fingerkluge "Kammermusik"

30. Jänner 2002, 19:25
posten

Die Philharmoniker mit Alfred Brendel bei der Mozartwoche

Salzburg - Den Daten alles Irdischen widersprechend, scheint der Musiker Alfred Brendel an Jugend zu gewinnen. Den Hörern im Großen Festspielhaus schenkte er mit Mozarts C-Dur-Konzert (KV 503) ein Erleben von solcher Innigkeit und Fantastik, dass man tief in den Erinnerungsfalten recherchieren musste, um in den letzten Jahrzehnten autorisierter Mozart-Pflege ein ähnliches Maß an fingerkluger Gegenwärtigkeit und kammermusikalischer Hell- und Tiefhörigkeit namhaft zu machen.

Brendel feierte - mit einer eigenen, recht verwegenen Kopfsatzkadenz! - nicht nur die Gunst der Stunde, sondern er genoss auch spürbar die anfangs umsichtige, von Takt zu Takt einfühlsamere und eigenwilligere Assistenz durch die Philharmoniker, an deren Spitze sich Simon Rattle um jede Nuance kümmerte.

Schwall der Verehrung

So konnte ein Geben und Nehmen entstehen, dessen Vorzüge nicht nur im edlen Einzelnen, sondern im fruchtbaren, einander beflügelnden Durchdringen des von Mozart Notierten zum variablen Ausdruck kamen. Der Beifall wollte nicht enden, und Brendel fühlte sich offenbar bemüßigt, dem Schwall der Verehrung mit drei Schubert-Tänzen entgegenzukommen. Rattle, der die Wiener zuvor zu einer seidenweichen Fauré-Pavane verführt hatte, hörte sie sich aus der Orchesterperspektive an - womöglich mit letzten Anregungen für die große C-Dur-Sinfonie (D 944), für deren langfristige wie kurzatmige Strukturen ein Maximum an Führungswille zu erkennen war.

Von der starken Wiener Mozartwochen-Präsenz zeugte auch eine Matinee mit den Bläsersolisten der Wiener Symphoniker. Milan Turkovic führte als Dirigent sehr beteiligt, fast ein wenig zu streng durch gehobenste Unterhaltungsmusiken von Helmut Eder (Suite mit Intermezzi op. 71) und Mozart (Gran Partita KV 361). Das launige, Eder-Stück erhöhte zweifellos die Neugier auf die nahende Eder-Uraufführung am kommenden Sonntag.

(cos - DER STANDARD, Print, 31.01.2002)
Share if you care.