Wehrschütz für Generalin

29. Jänner 2002, 17:52
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FPÖ bringt Christian Wehrschütz als weiteren blauen Vertrauensmann für höhere ORF-Weihen in Stellung

Eigentlich hatte sich Generaldirektorin Monika Lindner Dienstag für die konstituierende Sitzung des ORF-Redakteursausschusses angesagt. Als die schon lief, ließ sie absagen, Begründung: "Terminprobleme" wegen der Digital-TV-Konferenz der KommAustria (Bericht).

Redakteure "brüskiert"

In einer internen Resolution zeigt man sich "befremdet", dass Lindner an die 200 teils eingeflogene Korrespondenten und aus den Bundesländern angereiste Journalisten "brüskiert" habe (ein Teilnehmer). Worte zu den ernsten Auseinandersetzungen mit der FP waren erhofft.

Eines der "Terminprobleme", mit denen die Generaldirektorin schon in den ersten Wochen an der ORF-Spitze zu tun bekommt, heißt offenbar Christian Wehrschütz.

Den Termin mit dem ORF-Korrespondenten in Belgrad hatte Lindner Freitagfrüh (DER STANDARD berichtete). Das Problem mit selbigem ist nicht viel älter: Ihr bisher zurechtgelegtes Führungsteam wird offenbar wieder infrage gestellt, weil dort der FP zuwenig eigene Couleur vorkommt.

Die beschränkte sich nach bisherigem Stand auf den Jörg Haider nicht fern stehenden Kärntner Landesintendanten Gerhard Draxler als Informationsdirektor. Alexander Wrabetz soll Kaufmännischer Direktor bleiben. Er hat Altvordere in Blau, kam aber als SP-Mann in die ORF-Führung.

Dass die Bundes-FPÖ nach Walter Seledec (Mittags-"ZiB") auf Wehrschütz setzt, ist laut Insidern mehr als das jüngste Gerücht. Kolportierter Job: TV-Informations- oder Radiodirektor.

Mit Seledec verbindet Wehrschütz (40) neben der Couleur auch der Status als Bundesheeroffizier der Reserve, als Major ein Stück unter dem Brigardier von der Mittags-"ZiB"*. Seledec ist Reserveoffizier des Heeresnachrichtenamtes.

Gegen massiven Widerstand der Redakteure wurde Wehrschütz auf Anweisung des damaligen Generalintendanten und nunmehrigen Regierungsberaters in Fragen der ORF-Reform, Gerd Bacher, 1992 der Hörfunkinformation zugeteilt. Damals wenig erfreuter Chefredakteur: der nun für die Wiener Landesintendanz gehandelte Hans Besenböck. Erst hatte Bacher Wehrschütz beim Teletext platziert.

"Ehre, Treue"

Warum protestierten die Kollegen? Der Exchefredakteur des FP-Parteiblattes Neue Freie Zeitung hat in der rechtsextremen Aula, für die er 1983 seinen letzten Artikel verfasst hat, bedauert, "dass es nach dem Untergang des Nationalsozialismus nicht nur zur Abqualifizierung dieser Ideologie, sondern auch zur Verteufelung aller von ihm übernommenen Wertvorstellungen" kam. Die Wirtschaftswoche weiters über Wehrschütz' Werke: "Ideale wie Ehre, Treue, Vaterland, Opferbereitschaft galten und gelten als nazistisch und wurden aus dem ,anständigen, öffentlichen, demokratischen Leben‘ verbannt."

Österreich bezeichnete er als "wertlose Kastraten-Nation", als ein einst von antisemitischen Studenten errichtetes Denkmal aus der Wiener Uni entfernt werden sollte.

Punktgenauer Urlaub

Wehrschütz nennt die Visite bei Lindner einen normalen "Antrittsbesuch". Mit den kolportierten Jobs "beschäftige ich mich nicht", sagt er. "Bisher nichts gehört" habe er davon. DER STANDARD erwischte ihn noch knapp vor Antritt eines Urlaubs bis 7. Februar. Am 8. wolle er zurück nach Belgrad. Auf das Datum fällt noch ein Termin: die Wahl des neuen ORF-Managements.

Auch für den Fall, dass er dort nicht zum Zug kommt, kursiert intern eine Variante: Korrespondent in Brüssel, zumal sich die ÖVP-Spitze höchstpersönlich gegen den dafür vorgesehenen Robert Stoppacher ("ZiB") stark machen soll. Alternative für den EU-Job: Hans Bürger ("ZiB").

Als zentraler ORF-Chefredakteur wird nun Norbert Gollinger (Chefredakteur ORF Niederösterreich) kolportiert, Hubert Novak ("ZiB") könnte an der Traisen Intendant werden. Und Roland Adrowitzer ("ZiB 2"), heißt es intern, alsbald statt Josef Broukal in der "ZiB 1" auftauchen. (Harald Fidler/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30.1.2002)

* Anmerkung der Redaktion: Diese Passage wurde auf Aufforderung von Wehrschütz' Anwalt von Ende Oktober 2017 in die vorliegende Fassung geändert.

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