Deutschland vor Aufschwung

29. Jänner 2002, 10:56
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Stimmung in der Wirtschaft hat sich seit Jahresbeginn deutlich aufgehellt - Volkswirt: "Wirtschaftliche Erholung hat begonnen"

Frankfurt - Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft hat sich im Jänner stärker als erwartet aufgehellt und signalisiert zumindest den Beginn einer konjunkturellen Erholung. Der an den Finanzmärkten viel beachtete Ifo-Geschäftsklimaindex für Westdeutschland sei im Jänner auf 86,3 Punkte von geschätzt 85,8 Punkten im Dezember gestiegen nach 84,9 Punkten im November, teilte das Münchner Wirtschaftsforschungsinstitut am Montag mit.

Nach Ansicht von Ifo-Volkswirt Gernot Nerb hat in Deutschland die wirtschaftliche Erholung bereits begonnen. "Wir sind in einer frühen Phase der Erholung. Es ist jedoch immer noch unklar, wie stark der anstehende Aufschwung sein wird", sagte Nerb.

Deutlich wurde die aufgehellte Stimmung der Unternehmen bei der Einschätzung der künftigen Geschäftsentwicklung. Der Index Geschäftserwartungen für die alten Bundesländer stieg auf 94,8 von 90,9 Punkten im November (Dezemberschätzung 94,3 Punkte). Erstmalig veröffentlichten die Konjunkturforscher ihren Index für den laufenden Monat und nicht mehr für den vorangegangenen. Befragte Analysten hatten im Schnitt nur mit einem Anstieg des Geschäftsklimaindexes auf 85,7 Punkte gerechnet.

Konjunkturelle Trendwende

Volkswirte sehen besonders in der starken Verbesserung der Geschäftserwartungen ein klares Zeichen dafür, dass die deutsche Wirtschaft nun die konjunkturelle Trendwende vollzieht. "Der Anstieg des Ifo-Index ist ein normales Aufschwungmuster im Vergleich zu vorangegangenen Konjunkturerholungen", sagte Dirk Clench von der Hypothekenbank Essen.

Grund für die verbesserte Stimmung in der deutschen Wirtschaft war nach Einschätzung der Analysten in erster Linie die Aussicht auf eine baldige US-Erholung. "Die Märkte und die Unternehmen sehen offensichtlich eine Wende in den USA wegen der steigenden US-Frühindikatoren", sagte Stefan Mütze von der Helaba. Zudem profitiere die Wirtschaft von niedrigen Ölpreisen und einem relativ geringen Außenwert des Euro.

Auch Wirtschaftsweiser Rürup sieht Anzeichen für Konjunkturwende

Auch der Wirtschaftsweise Bert Rürup sieht Anzeichen für einen beginnenden Aufschwung in der deutschen Wirtschaft. "Die Talsohle ist offensichtlich erreicht, die Wende scheint in Sicht", sagte Rürup mit Blick auf den neuerlichen Anstieg des ifo-Geschäftsklimaindex der "Berliner Zeitung" vom Dienstag. Das Stimmungsbarometer des Münchner ifo-Instituts war im Jänner zum dritten Mal in Folge gestiegen und ist nun auf dem höchsten Stand seit dem vergangenen August.

Rürup sieht aber weiter Gefahren für die aufkeimende konjunkturelle Erholung. "Rückschläge wären denkbar, wenn die Inflation unerwartet steigt", sagte der Wirtschaftsexperte. Er rechne jedoch nur für den Jänner mit einem deutlichen Teuerungsschub. Im Jahresdurchschnitt werde der Preisauftrieb unter zwei Prozent liegen. Rürup appellierte an die Gewerkschaften, für ihre angestrebten Lohnvereinbarungen nicht die höhere Jänner-Inflation zu Grunde zu legen. In diesem Fall bestehe das Risiko, dass eine konjunkturschädigende Lohnpreis-Spirale in Gang komme.(APA/Reuters, DER STANDARD, Printausgabe 29.1.2002)

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