Katzenkadaververwertungsgesellschaft

27. Jänner 2002, 18:45
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Martin McDonaghs "Der Leutnant von Inishmore" im Akademietheater erstaufgeführt

Wien - Von den missgeleiteten Kindern, an deren Händen das wahllos vergossene Blut unschuldiger Mitmenschen klebt, führt ein gerader Strang hinauf zu der Schönheit gefallener Engel. Deren bewusstloses Tun unterliegt keinem Sittengesetz.

Schlimmer noch: Die mörderischen Engel gelten als "schön" zufolge eines untergründigen Geheimnisses, das jede ihrer Handlungen in ein moralisches Dunkel taucht. Im Wirrwarr der Programmdramaturgie ist immerhin dieses eine Ende mit bloßen Händen zu greifen: Roberto Zucco, dem göttergleichen Massenmörder, folgt nun Martin McDonaghs Leutnant von Inishmore, ein verklemmter Agent des irisch-republikanischen Freiheitsterrors, katzbuckelnd hinterdrein.

Koltès' Zucco schlürfte an den nächtlichen Sensationen der oberfaulen Metropole Paris wie die Kinderwespe an der Süßfrucht. Daraufhin stach er kalt lächelnd zu. McDonaghs Padraic, Vizeleutnant einer gerade vier Hohlköpfe zählenden IRA-Splittergruppe, steht bis zu den Knöcheln in der Maische, aus der die Insulaner Whiskey brauen. Er legt Bomben in Imbissstuben. Er zieht Kleinkriminellen die Zehennägel aus. Er liebt wie nichts sonst auf der Erde seinen alten Kater Wee Thomas, dessen Namen er in handgeschmierten Lettern auf der nackten Kinderbrust wie ein Menetekel trägt.

Doch wie verhält sich das Strahlen der "reinen" Mordtat im Herzen unserer Zivilisation gegen das Zündungsgemisch aus Feuerwasser und trister Sozialisation in einer randständigen EU-Provinz? Regisseur Dimiter Gotscheff wischt Erklärungen beiseite; er räumt das Akademietheater bis auf die Feuermauer aus (Bühne: Katrin Brack).

Er füllt zwei Plastikcontainer mit Maische. Aus einem dicken Schlauch blasen sich die Opfertäter den Schmutz ihrer Flausen gegenseitig an die Köpfe. Das Nordirland-Problem rückt Gotscheff aus dem Blick. Sein Padraic (Samuel Finzi) trägt schwer am Gewicht seines Pistolenpaars: ein psychotischer Zwerg, der seine Opfer mit naseweisen Auslassungen spickt wie mit Süßholzraspelsplittern.
Zu Hause krepiert (angeblich) der Kater. Padraics Vater, ein schiefes Ausrufungszeichen der Trunksucht (Johannes Terne), erörtert mit dem unglücklichen Finder, einem langhaarigen Dorfgnom von unerfindlichem Alter (Werner Wölbern), die zu ergreifenden Vorsichtsmaßnahmen: Padraic, dieser Ajax unter Irlands Bombenlegern, wird rasen! Zwei Shakespeare-Narren färben mit dem Kleisterpinsel einen roten Stoffbalg mit schwarzer Schuhcreme ein. Dazu hetzt ohrenbetäubend der irische Countryside-Punk von der Galerie.

Gotscheff opfert den Furien der Gewalt. Er entfesselt das Stück, indem er dessen Halteschnüre löst. Er erfindet Bilder: von erheiternder Gewalt. Er blamiert die Gesetze der Tauschkraft: falsche Katze für die tote Katze, die gar nicht tot ist, und zeigt, dass die Blutrache auf bloßem Schein beruht.

Er verhilft Birgit Minich-mayr als Gör mit verbittertem Sehnsuchtsmund zu deren schönster Leistung seit langem. Gotscheff unterlässt den Unfug, auf den 11. September mit dem Finger hinzuweisen. Gotscheff, der Regisseur vom Balkan, stellt einfaches, archaisches Theater her. Seine Schauspieler sind Seilvolkstänzer; unter ihnen wirft die Suppe der Bestialität blubbernde Augen.

Armes Theaterherz: Was begehrst du mehr?

(DER STANDARD, Printausgabe vom 28.1.2002)

Von
Ronald Pohl
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