Umspringbilder, hinein in die Vergangenheit

25. Jänner 2002, 19:31
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"Kolik"-Literaturpreis für den Berliner Schriftsteller David Wagner

Mit dem "Kolik"-Literaturpreis (dotiert mit rund 7260 Euro) für das Jahr 2001 wurde am Freitag in Wien der Berliner Schriftsteller David Wagner prämiert. Zuletzt publizierte er seinen Debütroman "Die nachtblaue Hose". Die Laudatio, die wir gekürzt wiedergeben, hielt der Essayist Michael Rutschky.
David Wagner zu loben muss mir leicht fallen. Denn ich war einer der ersten Redakteure, die ihn druckten, 1995 in der Zeitschrift Der Alltag (die, wie das ihresgleichen charakterisiert, unterdessen verstarb). Das Heft Nr. 69 handelte in seinem Hauptteil von Liebe und Hass, und ihn eröffnete ein Text von David Wagner, Erinnerungen an Brotaufstriche.

"Heute kann ich", beginnt der Text, "ohne der Versuchung zu erliegen, an den meterlangen Regalen in den Lebensmittelmärkten vorbeigehen, auf denen die Marmeladengläser nebeneinander aufgereiht stehen. Früher war das anders. Die Sorgfalt, die andere Menschen auf die Auswahl ihrer Weine verwenden, investierte ich in die meines Brotaufstrichs." David Wagner war damals 24. Aber der Erzähler stellt sich so vor, als blicke er auf ein langes Leben, mehrere verlässlich abgeschlossene Kapitel zurück.

Die Erinnerung bildet das Material ebenso wie das Medium des Erzählens: Gegenwart und Vergangenheit kann durch keine literarische Anstrengung so in der Gegenwart hervorgerufen werden, dass die Unterscheidung verschwindet. "Heute kann ich ... früher war das anders." Diese Unmöglichkeit, das Vergangene zu vergegenwärtigen, ist es, die das Erzählen antreibt.

"Heute kann ich, ohne der Versuchung zu erliegen, an den langen Regalen in den Lebensmittelmärkten vorübergehen ...", dieser Satz erinnert mich seinem Sound nach an einen der allerberühmtesten Eröffnungssätze der Weltliteratur: "Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen", lautet er. Und der Roman, eigentlich eine ganze Kette von Romanen, fährt fort: "Manchmal fielen mir die Augen, wenn kaum die Kerze ausgelöscht war, so schnell zu, dass ich keine Zeit mehr hatte zu denken: ,Jetzt schlafe ich ein.'" Kurzum, David Wagner hat seine Magisterarbeit in Allgemeiner und Vergleichender Literaturwissenschaft über Marcel Proust geschrieben. Gleichwohl, eine solche Assoziation versammelt nicht nur Aufmerksamkeit, sie droht den Newcomer zu erdrücken. Und so berief ich mich, wenn ich in den Jahren nach 1995 unter anderen Redakteuren für David Wagner warb, auf ein weniger einschüchterndes Vorbild von stärkerer Anschlussfähigkeit, einen Autor, der sich ebenfalls als Proust-Schüler ansprechen lässt: den Amerikaner Nicholson Baker (Die Rolltreppe), dessen Lob damals in der Literaturwelt allüberall erklang.

Ist das korrekt, einen jungen Autor am Anfang seiner Karriere dafür zu loben, dass sich seine ersten Arbeiten mit näheren und ferneren Vorbildern sauber vergleichen lassen? Was der Vergleich eindrucksvoll lehrt, ist jedenfalls, dass schon in David Wagners ersten Arbeiten viel Kunst steckt. Er scheint sein literaturwissenschaftliches Studium auch unter schreibpraktischen Gesichtspunkten gut genutzt zu haben.

Mit außerordentlicher Kunstfertigkeit imponiert jedenfalls David Wagners erster Roman Meine nachtblaue Hose (2000). Ich zitiere wiederum den Anfang: "Fast immer, wenn ich in einem Geschäft eine Umkleidekabine betrete, den Vorhang hinter mir schließe und eine Hose anprobiere, muss ich an Fe und unsere kurze Reise nach Köln denken. An dem Tag, an dem wir uns am Bahnhof Zoologischer Garten trafen, fing es mittags an zu regnen. Ihr Ex-freund Anatol, mit dem sie damals noch zusammenwohnte, brachte sie zum Bahnsteig. Während er mir aus einiger Entfernung zuwinkte, wunderte ich mich, dass Fe einen Rock statt der gewohnten Hose trug."

Schon der allererste Satz macht klar, dass es hier nicht um die stillgestellte Gegenwart, sondern um Erinnerung geht. Gegenwart und Vergangenheit sind durch eine unauflösliche Unterscheidung für immer getrennt; die Hose bildet eine Art Umspringbild aus der Gegenwart in die Vergangenheit: Es findet eine Überblendung statt.

Als ich das Buch zum ersten Mal las, fiel mir vor allem die durchdringende Traurigkeit auf. Es handelt sich um ein Buch des Abschieds: von Fe, einer Liebesgeschichte, aber auch von der westlichen Bundesrepublik, die ja mit der Wiedervereinigung in der Geschichte verschwand. Keineswegs geht es - wie bei Proust, dessen Recherche ja eine ganze Theorie solcher Umspringbilder entwickelt - um große Namen, um eine Belle Epoque, die leider Vergangenheit ist. Es geht um eine durchschnittliche Mittelklassen-Kindheit und -Jugend.

Wahrscheinlich ist es ein gutes Zeichen, wenn ein junger Autor mit einem Buch des Abschieds und der Trennung beginnt. Dann kann er ungehemmt weiter schreiben. Worauf wir uns freuen.

(DER STANDARD, Print, Sa./So., 26.01.2002)
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