Gefangen im Labyrinth der Stadt

24. Jänner 2002, 20:13
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Regisseur Jafar Panahi spricht im STANDARD-Interview über seinen Film "Der Kreis" - darin sind vier Frauen auf dem Weg durch Teheran

Wien - Die erste Nachricht verheißt nichts "Gutes": die Geburt eines Mädchens. Eine Frau im Tschador ist daraufhin voll Sorge, weil sie nun die Ächtung ihrer Tochter, der Mutter des Kindes, befürchtet. Jafar Panahis "Dayereh/ Der Kreis" etabliert ab der ersten Szene denkbar offensiv sein Grundthema: die Stellung von Frauen in der iranischen Gesellschaft. Die anfangs offene Form des Films verengt sich darin zunehmend, wandelt sich zu angespannten Situationen der Bedrohung.

Wenn Panahi die Wege von vier Frauen mitverfolgt, die im Laufe eines Tages durch Teherans Straßen irren, dann beschreibt er weniger individuelle Schicksale als Modellfälle, die ein soziales System der Ausschließung aufscheinen lassen, in dem schon das Rauchen einer Zigarette zum Risiko wird. Die dauerhafte Präsenz von Polizisten, die nur im Hintergrund auftauchen, verstärkt den Eindruck massiver Überwachung.


STANDARD: Der Titel des Films, "Der Kreis", gibt gewissermaßen die erzählerische Bewegung vor. Hat diese Form für Sie auch eine symbolische Bedeutung - ein Teufelskreis?

Jafar Panahi: Wenn man den Teufelskreis so definiert, dass es daraus kein Entrinnen gibt, dann nicht. Es ist vielleicht im Film so, dass die Frauen in einem Teufelskreis gefangen sind und es nicht schaffen, daraus auszubrechen. Aber letztlich habe ich ja innerhalb des gleichen Teufelskreises meinen Film produziert - und er konnte gemacht werden, konnte also aus dem Kreis ausbrechen. Er zeigt die momentane gesellschaftliche Situation in Iran, dieses Eingekreistsein - und der Radius wird sich noch vergrößern.

STANDARD: Es gibt ja eine ganze Reihe von jüngeren iranischen Filmen, die vom Dasein der Frauen erzählen. Ihrer ist einer der pessimistischsten. Woran knüpfen Sie die Utopie in "Der Kreis", wenn darin schon die Geburt eines Mädchen als eine Art Stigma erscheint?

Jafar Panahi: Ich möchte meinen Film gar nicht so sehr mit anderen vergleichen: Jeder nimmt etwas anderes wahr. Ich habe bisher Kinderfilme wie "Der weiße Ballon" gemacht. Da habe ich mit kleinen Mädchen zusammengearbeitet - natürlich ist das noch eine fröhlichere, optimistische Welt. Aber irgendwann werden auch diese kleinen Mädchen erwachsen, und das sieht dann ganz anders aus. Insofern ist die Perspektive in meinem Film eine realistische und keine pessimistische.

STANDARD: Der Film vereint verschiedene Stile. Anfangs wirkt er sehr improvisiert, fast dokumentarisch, wenn die Frauen auf der Flucht auf verschiedenste Schikanen stoßen. Im zweiten Teil erscheint die Charakterisierung der Frauen psychologischer, eindeutiger.

Jafar Panahi: Ich nehme sozusagen die Positionen der vier Frauen ein: zuerst von jener, die Utopia, dieses Dorf, sucht; dann von der Frau, die abtreiben will. Es folgen die Mutter, die das Kind aussetzt, und die Prostituierte am Ende. Die Erste ist noch idealistisch, hat Träume und will noch wo ankommen. Deshalb richtet sich auch die Form danach: Die Kamera folgt ihr, sie nimmt sozusagen ihren Charakter an, der Winkel ist offener.

Schrittweise kommen jene hinzu, die mehr Erfahrungen haben, gereifter sind und dadurch auch statischer geworden sind. So werden die Blickwinkel enger, die Bewegung verlangsamt, bis sich schließlich die letzte Frau nur noch im Hintergrund bewegt. Auch das Licht verändert sich: Der Film beginnt am Tag, farbenfroh - und langsam wird es immer dunkler.

STANDARD: Die Gründe, warum die ersten beiden Frauen im Gefängnis sind, bleiben Sie schuldig. Weil es um ein strukturelles Problem geht, um das Dasein der Frauen in der Öffentlichkeit?

Jafar Panahi: Genau. Ich wollte keine spezifische Geschichte erzählen. Es ist gar nicht wichtig, warum sie im Gefängnis waren. Ich wollte zeigen, dass sie von einem kleinen Gefängnis in ein viel größeres kommen, in dem es keinerlei Sicherheit für sie gibt. Es ist wichtig für mich, dass sich verschiedene Sichtweisen herausbilden können, dass man Interpretation offen hält.

STANDARD: Sie arbeiten in "Der Kreis" auch wieder mit LaiendarstellerInnen. Wie inszeniert man dieses Spiel im Alltag, inmitten der Stadt?

Jafar Panahi: Die Arbeit mit Laien ergibt sich einfach. Ich suche primär nach Menschen, die meinen Vorstellungen für den Film entsprechen. Das Potenzial sehe ich genau darin: dass es mehr Auswahlmöglichkeiten an Gesichtern gibt. Der dokumentarische Eindruck entsteht dadurch, dass wir immer auf der Straße gedreht und nichts gestellt haben. So gibt es etwa keine Statisten. Wir haben versucht, uns unsichtbar zu machen. Das habe ich auch schon in meinen beiden anderen Filmen so gemacht.

STANDARD: Man wundert sich, wie so ein Film im gegenwärtigen Iran entstehen kann. Herrscht unter Khatami mehr Offenheit?

Jafar Panahi: Aus meiner Sicht hat das nichts mit der Regierung von Khatami zu tun. Ich habe drei Jahre darum gekämpft, dass dieser Film entstehen konnte. Die Probleme, die ich bei der Realisierung des Films hatte, waren außerdem unter Khatami. Normalerweise ist es üblich, dass Vertreter der Regierung Glückwünsche schicken, wenn ein iranischer Film einen Preis gewinnt. In diesem Fall habe ich nichts erhalten.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25. 1. 2002)

Vier Frauen auf dem Weg durch Teheran: In "Dayereh/ Der Kreis", dem im Jahr 2000 in Venedig mit einem Goldenen Löwen prämierten Film von Jafar Panahi, sind sie Modellfälle für ein gesellschaftliches System der Ausschließung und permanenten Bedrohung.
Dominik Kamalzadeh sprach darüber mit dem iranischen Autor und Regisseur.
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