"Jeder echte Künstler ist ansteckend"

29. Jänner 2002, 15:38
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Die 82-jährige Maria Lassnig erhält den Roswitha-Haftmann-Preis, einen der weltweit höchstdotierten Preise für bildende Kunst

"Schon längst entdeckt, dass der größte Rummel (Lob und Ehre) um einen herumtanzt, wenn man sich geistig, künstlerisch am schwächsten fühlt, Zweifel an sich hat. - Weil man der Ehre voraus ist", notiert Maria Lassnig im März 1989 in ihrem Tagebuch.

Sie war dem Lob jahrzehntelang voraus. 1980 erst, die Sechzigjährige siedelte von New York wieder nach Wien zurück, fand ihr Werk ein größeres Publikum. Lassnig nahm an der Biennale von Venedig teil, zeigte ihre Arbeiten in den Kunsthallen von Bremen und Tübingen, dem Kunstmuseum Düsseldorf und im Heidelberger Kunstverein. Im selben Jahr übernahm sie als erste Frau im deutschen Sprachraum eine Professur für Malerei.

Ihren StudentInnen an der Wiener Angewandten eröffnet sie: "Es wird unsere Aufgabe sein, das Unbekannte, Ungewußte, Ungesehene ins Bekannte zu holen ... Der Künstler sucht einen neuen Anfang im Schweigen des Nichts und der Einsamkeit. Ausgangspunkt ist er selbst." Lassnig begegnete dem KünstlerInnennachwuchs mit aufmerksamer Distanz: "Ich kann die Menschen, die mit mir in Berührung kommen, nicht erziehen, d. h. nicht zu meinem Vorteil verwenden."

"Body Awareness"

Ende der 40er-Jahre hat Maria Lassnig für sich entdeckt, dass letztlich alles eine Frage des Körpers ist, und damit ihre Herausforderung gefunden. Introspektive Erlebnisse nannte sie ihre "Körpergefühlszeichnungen" zunächst, später spricht sie lieber von Body Awareness. Damit hat sie den Ausgangspunkt ihrer Kunst öffentlich gemacht - und erntete Verständnislosigkeit oder wurde vereinnahmt. Die männliche Künstlerkollegenschaft sah sich in ihrer selbst gewählten, heldenhaften Aufgabe als Gralshüter der letzten Geheimnisse infrage gestellt, die Feministinnen schlossen Körper mit Gefühl zu kurz und missverstanden Lassnigs Trickfilme als pädagogisches Material zum Geschlechterkampf.

Unbeeindruckt von Dünkel und Deutung arbeitet Maria Lassnig bis heute weiter, beharrt auf ihrem Bekenntnis zur permanenten Introspektion. Die Innenschau muss aber vorwärts gerichtet sein, frei von Sentimentalität, frei von Pathos - und frei von selbst auferlegten Stilfesseln.

Geheiratet hat Maria Lassnig nie: "Einem engeren Kontakt, der Bindung mit einem Menschen, stand immer meine Angst im Weg, wir seien einander zu ähnlich. Sogar A. W., der wirklich das Gegenteil in allen Charaktereigenschaften von mir ist, der war in der Schlampigkeit mit mir zu ähnlich, um ihn zu heiraten (es wären zu verkommene Kinder herausgekommen?) Da ich immer alles andere auch habe wie andere Menschen, außer Unehrlichkeit und kriminelle Eigenschaften, hätte ich einen Kriminellen nehmen sollen. Na ja." Sie lebt in Wien und Kärnten.
DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 26./27.1.2002

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