Kolumne: Falsche Plattform

22. Jänner 2002, 21:02
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Wenn die Krone diesmal auffällig geworden ist, hat dies mehrere Gründe. - Von Günter Traxler

Das ist nicht mehr eine Tageszeitung, das ist eine redaktionelle Mobilisierungsplattform", charakterisierte der Politikwissenschafter Fritz Plasser im STANDARD das Rasen der Kronen Zeitung während der letzten Wochen. Dem ist einiges hinzuzufügen. Redaktionelle Mobilisierungsplattform unter geradezu stalinistischer oder Goebbelsscher - wie 's beliebt - innerredaktioneller Gleichschaltung ist die Krone seit langem.

Nur haben sich, wenn es um das alltägliche Schüren von Vorurteilen geht, Politik und Publikum derart daran gewöhnt, dass es kaum noch auffällt und kaum noch wahrgenommen würde, stellte nicht von Zeit zu Zeit der Presserat fest, das Blatt habe wieder einmal gegen Prinzipien eines ordentlichen Journalismus verstoßen. (Selbst diese schwachen Versuche, ein Minimum an Sauberkeit einzumahnen, haben dieser Tage zu einem Anschlag auf den Presserat geführt.)

Wenn die Krone diesmal doch auffällig geworden ist, hat dies mehrere Gründe: Sie hat ihre gesamte reaktionäre Energie in einem bisher nicht gekannten Ausmaß Wochen hindurch auf ein Thema fokussiert; und sie hat ihre Selbsteinordnung "unabhängig" bedenkenlos Lügen gestraft, indem sie sich einer Partei als politisches Folter-, noch besser gleich Mordinstrument gegen den Kanzler zur Verfügung stellte.

So radikal ging sie dabei vor, dass kaum noch zu entscheiden war, ob sie sich der FPÖ nun als politischer Partner für ein schmutziges Tänzchen anbot oder ob sie nicht schon selbst wie eine politische Partei auftrat. Schlagzeilen wie "Jetzt kommt 's auf jede Stimme an!", "Letzte Chance, sich zu wehren" oder "Der Kampf geht weiter" sind Prägungen aus dem Wahlkampfrepertoire von Berufspolitikern und deuten darauf hin, dass Hans Dichand im Banne eines politischen Johannistriebes stand, auch wenn er im Nachhinein behaupten wird, lieber als Haiders Hojac streichle er noch immer seinen Hund.

In der Schmiere, die in den letzten Wochen über die österreichische Kleinbühne ging, haben zwei Protagonisten Standfestigkeit bewiesen: Alexander Van der Bellen, der sein "Nein zur Vetokeule" als klare Priorität festlegte, und Wolfgang Schüssel, der uns das alles eingebrockt hat, aber in seinem Ja zu einem EU-Beitritt Tschechiens nie wankend wurde. Sie haben sich nicht um die Krone gekümmert und damit das Beste daraus gemacht, von Cato nicht geliebt zu sein.

Leider kann man Gleiches nicht von der SPÖ behaupten. Immer mehr Beobachter beklagen, dass die stärkste Partei des Landes nach zwei Jahren in Opposition noch immer keine Linie gefunden hat und daher keinen Fuß auf den Boden bekommt. Fragt man nach dem Warum, fällt einem sofort der niemandem vermittelbare Schlingerkurs in der Temelín-Frage als jüngstes Beispiel dafür ein, wie man durch Schielen auf die Kronen Zeitung und Streben nach der Gunst ihres Herausgebers auf Dauer nur die Ratlosigkeit der Beobachter steigert statt die Attraktivität der Partei. Wie sollen Beobachter da zu Wählern werden? Die SPÖ bewegt sich wie ein Chamäleon durch die politische Landschaft, vor allem bemüht, sich an dem brüchigen Ast, auf dem sie sitzt, festzuklammern und sich vom Hintergrund nur nicht so weit abzuheben, dass Konturen sichtbar werden.

Auch achtbare rhetorische Leistungen des Parteivorsitzenden können das nicht ausgleichen - die Hoffnung, über das Kleinformat mit Populismus aus zweiter Hand beim Wähler punkten zu können, wird nicht aufgehen. Da könnte noch eher Wolfgang Schüssel mit seiner Nummer als Märtyrer der Krone aufs Neue Erfolge einheimsen, die er als Politiker gar nicht verdient. Nie vergessen: 4,9 Millionen haben nicht unterschrieben! (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.1.2002)

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