Kapital ohne Bodenhaftung

21. Jänner 2002, 15:59
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Deutsche Bundesbank: Von der Realwirtschaft abgekoppelt - Kapitalströme haben sich in 25 Jahren verdreißigfacht

Frankfurt/Main - Die riesigen Kapitalströme, die sich täglich über den Erdball wälzen, haben sich längst von der Realwirtschaft abgekoppelt. Allein im Jahr 2000 flossen rund 4.000 Mrd. Dollar (4.540 Mrd. Euro) über den Globus. Damit habe sich der jährliche Kapitalfluss seit 1975 etwa verdreißigfacht, schreibt die Deutsche Bundesbank in ihrem Jänner-Bericht.

Dagegen hat sich im gleichen Zeitraum der Welthandel nur vervierfacht (plus 320 Prozent). Das zusammengefasste Bruttoinlandsprodukt (BIP) aller Länder ist in 25 Jahren sogar nur um 140 Prozent gestiegen, betonen die Bundesbank-Volkswirte. Vor allem sind im grenzüberschreitenden Kapitalverkehr die Wertpapieranlagen - hauptsächlich in Aktien - sowie die Direktinvestitionen "kräftig gewachsen".

Auswirkungen des weltweiten Globalisierungsprozesses

Die Bundesbank sieht darin die Auswirkungen des weltweiten Globalisierungsprozesses. Angesichts leicht zugänglicher und kostengünstiger Finanzmarktdaten über elektronische Systeme bezögen Anleger ausländische Finanzprodukte nun stärker in ihre Entscheidungen ein. Das gilt umso mehr, da die Vermögensanlagen häufig über Banken, Versicherungen oder Fondsgesellschaften erfolgten.

Darüber hinaus sind auch die großen Unternehmen durch die Welle von Fusionen und Übernahmen Ende der 90er Jahre weltweit enger verflochten. Nach einem zitierten UN-Bericht beliefen sich die Direktinvestitionen 2000 auf fast 1.300 Mrd. Dollar. In einem weltumspannenden Netz wickeln etwa 60.000 transnationale Konzerne mit mehr als 800.000 Auslandsniederlassungen bereits zwei Drittel des Welthandels ab.

Deutscher Kapitalverkehr durch EWU verändert

Den deutschen Kapitalverkehr hat vor allem die Europäische Währungsunion (EWU) erheblich verändert. Eine zentrale Ursache sieht die Bundesbank darin, dass mit Einführung des Euro das Wechselkursrisiko vollständig entfallen ist. In den vergangenen drei Jahren - seit Schaffung der Eurozone - haben deutsche Banken, Unternehmen, Privatpersonen sowie staatliche Stellen rund 450 Mrd. Euro dort investiert. "Damit entfielen von Januar 1999 bis September 2001 etwa 47 Prozent der deutschen Kapitalanlagen im Ausland auf die EWU-Länder."

In den Siebziger- und Achtzigerjahren flossen dagegen nur 26 beziehungsweise 36 Prozent der deutschen Kapitalanlagen im Ausland in diese Partnerländer. Ausschlaggebend dafür, dass nahezu die Hälfte der deutschen Auslandsanlagen in andere EWU-Länder fließt, ist nach Darstellung der Notenbank die Entwicklung im Wertpapierverkehr. "Seit Beginn der Währungsunion haben deutsche Anleger bei ihren Wertpapierkäufen im Ausland per saldo zwei von drei Euro in den Partnerländern investiert." Allerdings spielt dabei auch der Finanzplatz Luxemburg eine wichtige Rolle. Bei Investmentzertifikaten liegt der EWU-Anteil bei 94 Prozent, da die wichtigsten ausländischen Fondsgesellschaften in Luxemburg und Irland angesiedelt sind.(APA/dpa)

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