Freitod in Ferndorf

18. Jänner 2002, 20:38
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Michael Kos' viel versprechender Prosaband "Herzversagen"

Mit seinem Prosaband Herzversagen pflegt auch der 1963 geborene Michael Kos die wohl durch Thomas Bernhard begründete österreichische Tradition des exzessiv formulierten Scheltens, - um diese mit den Provinzpossen Amok in St. Peter ein gutes Stück hinter sich zu lassen. Im titelgebenden Herzversagen jedenfalls nimmt Kos zehn Selbstmorde zum Anlass für einen Rundumschlag gegen den Kärntner Raum Ferndorf. Egal, aus welcher Gegend die oder der Tote kommt, es ist immer die "kleinkarierteste". Und die durch Selbstverbrennung ums Leben gekommene Edith K. ist für Kos an Herzversagen gestorben, "weil man an einer Wohnhaftigkeit in Ferndorf, an einer Adeg-Anstellung und an einem Familienstand mit dem Maschinenschlosser K. eigentlich nicht verbrennen, sondern bloß herzhaft versagen kann".

"Trostlos" geht es zu in diesem "häßlichen Industrieort" mit seinen "verschlagenen" und "bornierten" Einwohnern, mit seiner Mischung aus Katholizismus und "Bauernschläue". Man kann sich eigentlich nur erhängen wie der Streuner Peter, bei 140 Stundenkilometern verunglücken wie Günther, ins Wasser (der Drau) gehen wie die Ehefrauen Bertha, Rosa und Eveline, aus dem Fenster springen wie Gerhard und sich vor den Zug werfen wie Franz und Ridi. Oder sich mit Auspuffgasen umbringen wie Vater Heinz, nachdem er des (einen Ehebruch finanzierenden) Betruges überführt worden ist, und in der hinterbliebenen Familie einen "Kahlschlag der Beziehungen" verursachen.

Dies umschreibt der Autor mit einer bilderreichen, vom Ausufern gerade noch zurückgehaltenen Sprache voller Bitterkeit, Zorn, Mitgefühl und auch Klischees, - um sich im nachfolgenden Text auf Vogelköpfen laufen einen metaphysisch angehauchten Spaß daraus zu machen, dass "einer, der in potentia frei läuft, sich realiter erst zur Gänze freiläuft, wenn er die gesamte Legion von Spielweisen des Laufens im Laufschritt durchmessen hat", also etwa auch auf Vogelköpfen - wie zum Beispiel welchen von Amelie Hahn, Humbert Fink und Michael Kos (dessen Name im Slawischen "schwarzer Vogel" bedeutet).

Bewertet man die übrigen Texte als viel versprechende Talentproben, so muss man Amok in St. Peter als Mittelding zwischen Gesellen- und Meisterstück ansehen. Fasziniert und vergnügt verfolgt man da, wie Kos hinter die Oberfläche seiner Figuren dringt, indem er sie sowohl aus ihrer eigenen als auch aus fremder Sicht beschreibt, wie er ihr Beziehungsgeflecht nach und nach offen legt und insgesamt einen typischen, aber nicht klischeehaften Ort anschaulich skizziert. Dagegen wirkt das satirisch-boshafte Phönix Austria bloß wie eine weitere kunstvoll übertriebene Darstellungen des österreichischen Phlegmas.

Anzumerken bleibt noch, dass Michael Kos nicht nur das Cover dieses Buches gestaltet hat, sondern dass darin von dem Absolventen der Hochschule für angewandte Kunst auch Korb-Acrylkitt-Objekte abgebildet sind. Typisch für die kleine, feine Literaturedition Niederösterreich, die nicht zufällig ein Chamäleon als Logo hat: Für jedes der über 50 Bücher dieser Edition wird eine zum Inhalt passende Form gesucht, und so gleicht kein Band dem anderen.

( Von Werner Schuster - DER STANDARD, Album, 19.1.2002)

Michael Kos, Herzversagen. EURO 14,39/öS 198,-/ 230 Seiten. Literaturedition Niederösterreich, St. Pölten 2001.
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