Eine Verlassene und die Seelen toter Hunde

18. Jänner 2002, 19:23
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Erna Omarsdottir brilliert in Jan Fabres jüngster Inszenierung "My Movements are alone like Streetdogs" im Tanzquartier

Bewegendes Körpertheater ist am Samstag noch einmal in Wien zu sehen: Die Tänzerin Erna Omarsdottir brilliert in Jan Fabres jüngster Inszenierung "My Movements are alone like Streetdogs" im Tanzquartier.

Ursula Kneiss

Wien - "Der Körper ist eine Schale. Vielleicht sogar eine leere Schale", hat Jan Fabre einmal in einem Interview gesagt und berief sich dabei auf die apokalyptischen Texte von Nostradamus. Und um diese leeren Schalen zu füllen, hat der Antwerpener Allround-künstler immer wieder treffende Charaktere gefunden:

Das waren wissende, jedoch auf Unverständnis stoßende Clowns und Narren in der Monsterproduktion Universal Copyrights, mit der er 1996 in Wien gastierte; 1999 ließ Fabre (u. a. auch in Wien) seinen flämischen Kollegen Wim Vandekeybus in Body, Body On The Wall . . . durch das Museum "Körper" wandern und über Manipulation, plastische Chirurgie und medizinische Vereinnahmung monologisieren. Und im Sommer 2000 kreierte er für die isländische Tänzerin Erna Omarsdottir das grandios in Szene gesetzte Solo My Movements are alone like Streetdogs, das noch heute, Samstag, im Tanzquartier zu sehen ist.

Wieder haben wir Körperschalen vor uns. Es sind bissig wirkende, große ausgestopfte Köter. Zwei liegen am Boden, einer hängt von der Decke herab. Wurden sie Opfer eines Straßenkampfes? Immerhin hat einer überlebt. Es ist ein kleiner weißer, liebenswürdig zotteliger Hund. Wohl ein Phlegmatiker, der sich nicht von der Stelle rührt und ruhig vor sich hin hechelnd die wilden Aktionen von Erna Omarsdottir im Visier behält. Sie kauert am Boden, stößt laut schreiend Sätze in Isländisch aus, Zitate aus der Edda, wie im Programmheft nachzulesen ist.

Jene, die sie am meisten liebt, haben sie verlassen. Diese einsame Kreatur stellt sich aber dennoch den Härten des Lebens. Omarsdottir gebärdet sich wie ein Vierbeiner, rollt geschmeidig am Boden, fetzt herum, setzt zu kraftvollen Sprüngen an, füllt mit ihrer körperlichen Präsenz den Raum. Eine innere Kraft treibt sie zur Revolte. Sie will nicht so enden wie die ausgesetzten oder halb verwesten Haustiere, die im eingespielten Video zu sehen sind. Wiederholt donnern Wurfgeschoße auf die Bühne, die sich als Butterblöcke entpuppen. Sie packt sie aus, legt sie ans Ohr.

Immer wenn sie das tut, wird das Abbild eines Hundes eingeblendet, als ob sie mit ihm in Telefonkontakt treten wollte. Die langsam schmel-zende Butter darf auch als Symbol für die Liebe gesehen werden. Den toten Hunden wird sie unter die Krallen gesetzt, selbst cremt sich die Tänzerin mit der Butter zärtlich ein, verbeißt sich in ihr.

Erna Omarsdottir ist nicht nur begnadete Bewegungskünstlerin, sondern auch beeindruckende Schauspielerin. Im Verlauf des Stücks wechselt sie die Rollen, schlüpft in ein schwarzes Minikleid, zieht hochhackige Schuhe an, schmückt sich und ihre Bühnenpartner mit bunten Faschingshütchen. Aus dem wütendem Köter wurde eine feminine, jedoch zwiespältige Figur, die dem Grauen gequältes Lachen entgegensetzt und schließlich in Ekstase verfällt.

Geläutert verharrt sie am Ende, kettet den Hund ab, nimmt ihn an die Leine und geht, als wäre nichts geschehen. Diese fünfzig Minuten dicht gestaltetes Körpertheater sind unter die Haut gegangen. Lautes Klatschen stellte sich erst nach einigen Schocksekunden ein.

(DER STANDARD; Print, 19./20.1.2002)
Tanzquartier: 19.1.2002: 20 Uhr Halle G
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