Die Rebellion der Unsichtbaren

16. Jänner 2002, 19:37
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Eduardo Galeano: Die Menschen haben es satt, Zuschauer ihrer eigenen Erniedrigung zu sein

Es begann mit einem Ausbruch der Gewalt. Wenige Tage vor Weihnachten stürzten viele Hungernde auf die Straße, um Geschäfte und Supermärkte zu überfallen. Unter die Verzweifelten hatten sich, wie üblich in solchen Situationen, auch Verbrecher gemischt. Und in diesen Stunden des Chaos, während das Blut floss, trat der argentinische Präsident im Fernsehen auf und sagte mit vielen Worten im Grunde nichts anderes als: Die Wirklichkeit existiert nicht, die Leute existieren nicht.

Dann setzte die Musik ein. Es begann ganz langsam und vereinzelt in einigen Haushalten: Kochlöffel schlugen gegen Töpfe. Dann schallte es aus den Fenstern und von den Balkonen, setzte sich fort, von Haus zu Haus und eroberte die Straßen von Buenos Aires. Laut fügte sich an Laut, Menschen trafen andere Menschen, und in der Nacht explodierte das Konzert der kollektiven Wut. Im Rhythmus der Topfschläge erhob sich der Klageruf der Empörung. Niemand hatte sie aufgerufen. Die Menschenmengen eroberten die Bezirke, die Stadt, das Land. Die Polizei antwortete mit scharfer Munition. Aber die Menschen, unerwartet mächtig, stürzten die Regierung. Die Unsichtbaren hatten die Bühne erobert ...

"Regierungen müssen um Erlaubnis bitten"

Lateinamerika hat im vergangenen Jahrzehnt eine noch nie da gewesene Plünderung erlebt. Der Weltwährungsfonds (IWF) und die Weltbank machten sich mit ihren ständigen Aufrufen zur Sparsamkeit zu Komplizen von Regierenden, die selbst galoppierenden Pferden noch die Eisen von den Hufen stahlen. In den Jahren der Privatisierungen wurde alles ausverkauft, sogar die Pflastersteine auf den Gehsteigen und die Löwen in den Tiergärten.

Trotzdem vervielfachten sich die Schulden immer weiter unter den flinken Händen eines Carlos Menem und seiner Getreuen. Die Bürger, die Unsichtbaren, standen nun ohne Land da - und mit Regierungen, die nicht regieren, weil sie von außen regiert wer- den: Sie bitten um Erlaubnis, machen Hausaufgaben, legen Prüfungen ab. Allerdings nicht vor ihren Wählern, sondern vor den Bankiers.

"Erst kommen die Bankiers"

Jetzt, da wir uns alle in einem Krieg gegen den internationalen Terrorismus befinden, fragt sich erst recht: Wie gehen wir mit dem Terrorismus des Marktes um, der die Mehrheit der Menschheit geißelt? Oder sind die Methoden der führenden internationalen Organisationen, die weltweit die Finanzen, den Handel und alles andere dirigieren, etwa nicht terroristisch? Verüben sie etwa keine Verbrechen, auch wenn sie durch Ersticken und Hunger töten und nicht durch Bomben? Setzen sie etwa nicht die sozialen und wirtschaftlichen Rechte der Lohnabhängigen außer Kraft? Töten sie etwa nicht die staatliche Souveränität, die nationale Industrie, die kulturelle Identität?

Aber natürlich, Ladies und Gentlemen, erst kommen die Bankiers! Und wo der Kapitän herrscht, haben Matrosen nichts zu befehlen. Genau das hat US-Präsident George W. Bush auch in seiner ersten Botschaft an Argentinien ausgedrückt, indem er die argentinische Übergangsregierung wissen ließ, dass diese nun die internationalen Gläubiger und den Internationalen Währungsfonds zu "beschützen" habe und eine "noch sparsamere" Politik vorantreiben müsse. - Was aber wird aus den Menschen?

"Was aber wird aus den Menschen?"

Die Schulden oder die Menschen, das ist hier in der Tat die entscheidende Frage. Die Menschen, die Unsichtbaren, sind jedenfalls dabei, ihre Forderungen zu stellen und wachsam zu sein.

Vor etwa einem Jahrhundert saß der fußballbegeisterte Präsident Uruguays, José Batlle Ordonez, im Stadion und bemerkte: Wie schön wäre es doch, wenn es nur 22 Zuschauer geben würde und zehntausend Spieler! Kein Mensch weiß genau, was er sich dabei gedacht hat - ob sich dieser Satz auf den von ihm so geliebten - und geförderten - Volkssport oder auf seine Vorstellungen von Demokratie bezogen hat. Ein Jahrhundert später jedenfalls trugen im Nachbarland Argentinien viele der Demonstranten das Fußballtrikot ihrer Nationalmannschaft - geliebtes Zeichen nationaler Identität, fröhliche Gewissheit von "Heimat". In diesen Trikots haben sie die Straßen erobert und damit deutlich gemacht: Die Menschen haben es satt, Zuschauer ihrer eigenen Erniedrigung zu sein, sie besetzen das Fußballfeld. Es wird nicht leicht sein, sie wieder vom Feld zu weisen!

*Der uruguayanische Schriftsteller und Journalist zählt zu den renommiertesten Autoren Lateinamerikas und lebt in Montevideo; auf Deutsch erschienen: "Die offenen Adern Lateinamerikas" und "Erinnerungen ans Feuer".

(DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 17.1.2002)

Ein Kommentar von Eduardo Galeano*
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