Tod durch Gentherapie steht vor der Klärung

16. Jänner 2002, 11:57
posten

Multiorganversagen wegen unbeachtetem Immunprozess

Berlin - Über zwei Jahre nach dem ersten Gentherapie-Todesfall könnte jetzt eine Erklärung dafür gefunden sein: Ein Forscherteam in Berlin enthüllt nun die mögliche Rolle des Komplementsystems - eines Teils des Immunsystems - bei den fatalen "Nebenwirkungen" der Gentherapieversuche.

Im September 1999 ver- starb der 18-jährige Jesse Gelsinger in den USA an plötzlichem Organversagen, nachdem ihm gentechnisch abgeschwächte Adenoviren als "Gentaxi" direkt in die Blutbahn gespritzt worden waren. Adenoviren sind die in Gentherapiestudien am häufigsten eingesetzten Vehikel, um therapeutische Gene in Körperzellen zu befördern.

Einen Hinweis auf eine bisher unbeachtete Immunreaktion gegen Adenoviren liefern jetzt Forscher um Günter Cichon vom Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin und um Reinhard Burger vom Berliner Robert-Koch-Institut.

Im Labor lösten hohe Mengen der Adenoviren eine unerwartet starke Aktivierung des Komplementsystems aus. Dieses besteht aus Eiweißkörpern, die im Blut zirkulieren und einen ersten Schutzwall gegen eindringende Erreger bilden.

Aufgabe der Proteine des Komplementsystems ist es, die Immunabwehr zu alarmieren. Ein unnatürlich auftretender, massiver und schlagartiger Auslöser - wie zum Beispiel extrem hohe Virenmengen im Blut - kann jedoch eine gefährliche "Komplementrevolte" auslösen.

Leber entzündet

"Diese überschießende Immunreaktion kann Organe schwer schädigen und für den Patienten lebensbedrohlich werden", erläutert Burger. Dabei treten Entzündungen in Gefäßwänden von Leber, Lunge und Niere auf, die sich zum Multiorganversagen steigern können.

Die Autoren haben bei ihren Laboruntersuchungen steigende Konzentration verschiedener Adenoviren mit dem Blutplasma von 18 Spendern vermischt. Anschließend analysierten sie die Konzentration eines Indikators der Komplementaktivierung, des Proteins C3a-desArg, eines der so genannten Anaphylatoxine.

Zu ihrer Überraschung beobachteten die Forscher bei Viruskonzentrationen, die auch im Blut von Gentherapiepatienten auftreten können, eine massive Aktivierung des Komplementsystems.

"Wir müssen von einer erheblichen Aktivierung als Folge einer Infusion hoher Dosen von Adenoviren in die Blutbahn des Menschen ausgehen", interpretiert Günter Cichon diese Befunde. (APA, Gene Therapy, Vol. 8, S. 1794, rosch, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.01.2002)

Share if you care.