Arm trotz Sozialstaat

14. Jänner 2002, 20:41
1 Posting

Ökonomen: Lücken lassen sich um 800 Millionen Euro schließen

Wien - Auch die Spendenaktionen der letzten Wochen konnten die Not vieler Menschen in Österreich nur lindern, nicht beheben. Ein interdisziplinäres Forscherteam ging daher in einer Studie der großen Frage nach, wie man Armut abschaffen könnte.

Als arm definierten die Wissenschafter um den Politologen Emmerich Tálos von der Uni Wien all jene, die weniger als etwa 700 Euro (10.000 S) im Monat für eine Einzelperson (zwölfmal) zur Verfügung haben. Das entspricht 60 Prozent des Medianeinkommens - das ist jener Betrag, über und unter dem jeweils die Hälfte der Einkommen liegt. Bei einer Familie mit zwei Kindern liegt die Armutsschwelle nach diesem international üblichen Maßstab bei etwa 1500 Euro.

843.000 Arme

Demnach sind 843.000 Personen arm. Statt der Gießkanne Grundeinkommen ohne Arbeit sollte eine "bedarfsorientierte Grundsicherung" durchgerechnet werden, so der Auftrag des Bildungsministeriums. Also Ergänzung, nicht Ersatz des Sozialstaates.

Die Wissenschafter stellten daher zunächst fest, wo es Lücken gibt. "Armut ist kein Randgruppenphänomen", heißt es dazu in der Studie. Besonders gefährdet: Alleinerziehende ohne Erwerbseinkommen, Langzeitarbeitslose, Nicht-EU-Staatsbürger, Personen im Erwerbsalter in Haushalten ohne Beschäftigung und Menschen mit geringer Bildung sowie Haushalte mit mehreren Kindern.

Zehn Euro auf oder ab

Im zweiten Schritt nahmen die Wissenschafter die Zahl der Betroffenen der jeweiligen Lücke mal der Durchschnittsdifferenz zur Armutsgrenze. Am Beispiel der Mindestpensionisten: Ihr Satz lag zum Erhebungszeitpunkt der 600-Seiten-Studie um gut zehn Euro unter der Grenze. "Die Betroffenen darüberzuheben", hat Ökonom Peter Rosner errechnet, "kostet nicht sehr viel": bei 212.000 Personen 72,67 Mio. Euro.

Der Ansatz geht vom Gesamteinkommen eines Haushalts ungeachtet dessen Verteilung aus. "Das entspricht den üblichen Vorstellungen von Armut", so Rosner. Das untersuchte Modell schaffe "Abhängigkeiten von Frauen nicht aus der Welt", räumt der Ökonom aber ein.

Nicht die einzige Schwäche, die sich bei reiner Nachjustierung des Sozialstaats zeigt: "Unser Sicherungssystem", analysiert Politologe Tálos im Gespräch mit dem STANDARD, "bezieht sich vor allem auf Menschen, die vollzeitig und dauerhaft beschäftigt sind. Für alle, die von dieser Normalitätsannahme abweichen, bestehen Verarmungsrisken." Wer nicht der Norm entspricht, bleibt draußen. "Studenten, die ein hervorragendes Studium absolviert haben", illustriert Tálos, "kommen nicht rein, weil sie die entsprechenden Erwerbsvoraussetzungen nicht haben." So kommt es, dass in Österreich trotz seiner Kranken-pflichtversicherung rund ein Prozent der Menschen nicht krankenversichert sind.

Das Verblüffende am untersuchten Modell der bedarfs- orientierten Grundsicherung: In Österreich ließe sich Armut um nur 799,40 Millionen Euro abschaffen. Das ist etwa der Aufwand für aktive Arbeitsmarktpolitik oder die Hälfte der Weihnachtsausgaben der Österreicher. Der Löwenanteil von 508,70 Millionen Euro müsste zur Aufbesserung von Familienleistungen im weitesten Sinn, also inklusive Sondernotstandshilfe, verwendet werden. Das Kinderbetreuungsgeld ist hier noch nicht erfasst. "Es reduziert", weiß Tálos, "mit Sicherheit die Verarmungsgefährdung von Familien, die ein geringes Einkommen haben." Nachsatz: "Aber die Leistungen sind nicht existenzsichernd."

"Politisch", ist der Politologe illusionslos, "lässt sich bedarfsorientierte Grundsicherung derzeit nicht umsetzen." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15. 1. 2002)

Von Roland Schönbauer

Armutskonferenz
  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.