Der süßliche Geruch des Todes

14. Jänner 2002, 14:23
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Lehrstücke über Medien und Wahrnehmung: H. C. Buch erforscht die Gräuel der Welt.

Morgendliche Alltagspflichten eines außenpolitischen Redakteurs: Ehe man sich ans Gewichten der Meldungen macht und die Zeitungsseiten des kommenden Tages im Kopf Konturen annehmen, wird routinemäßig sondiert, was die Bildagenturen aus aller Welt übermittelt haben. Das meiste, was man tagaus, tagein zu sehen bekommt, ist wenig erfreulich: abgerissene Gliedmaßen, Blutlachen in der Ben-Jehuda-Straße in Jerusalem, nachdem sich zwei palästinensische Selbstmordattentäter in die Luft gejagt haben. Von den Gummigeschoßen der Bereitschaftspolizei blau und blutig geschossene Körper argentinischer Demonstranten. Die zerfetzten Leiber - wahrscheinlich - muslimischer Terroristen, die bei ihrem Sturm auf das Parlament in Neu-Dehli auf der Strecke geblieben sind. Aus diesem täglichen Bilderbogen aus Krieg, Not und Gewalt wird, wenn nicht sehr ernsthafte Gründe für den Abdruck sprechen, das allzu Monströse, das Unzumutbare aus Pietätsgründen ausgesiebt.

Der Redakteur ist nicht der Letzte, der seine Auswahl trifft. Vor ihm hat schon der Fotograf das Ereignis auf seine eigene Art wahrgenommen, das Gleiche gilt für die Bildagentur usw. usf. So schiebt sich zwischen das Ereignis und dessen mediale Darstellung ein langer Korridor von Selektions- und Bearbeitungsmechanismen, die die "Wirklichkeit" nolens volens modifizieren, verkleinern oder vergrößern, verzerren und transformieren. Damit soll kein moralisches Urteil über die Medien gesprochen werden. Medien üben ebenso zwangsläufig "Verrat" an der Sache wie Übersetzer ("Traduttore, traditore"). Auch wenn die Berichterstatter und Redakteure noch so sorgfältig ans Werk gehen, ist ein MG-Schuss oder eine Bombenexplosion etwas anderes als ein Bericht über einen MG-Schuss oder eine Bombenexplosion.

Das ist banal genug, und der Medienkonsument hat in der Regel auch keine Probleme damit, die Wirklichkeit durch die barmherzig verhüllenden Milchglasscheiben der Vermittlungsapparaturen wahrzunehmen. Oder wollte man wirklich Zeuge einer solchen Szene sein? "Stellen Sie sich vor, Sie seien soeben in Dili gelandet, der Hauptstadt von Osttimor, und stünden vor einem zerbeulten Pick-up-Truck, auf dessen Ladefläche zehn aneinandergekettete Personen mit Benzin übergossen worden und lebendig verbrannt worden sind: eine Laokoon-Gruppe, die nicht aus Marmor, sondern aus verkohltem Menschenfleisch besteht. Ich erspare Ihnen den Anblick der aus dem verschmorten Fleisch ragenden Knochen sowie die Beschreibung des an Grillpartys erinnernden, süßlichen Geruchs und spreche lieber von den Blumen und Münzen, die Anwohner auf die Asche streuen, um die Geister der Ermordeten zu besänftigen."

Hans Christoph Buch, ein Mann, der sich seit vielen Jahren solchen Szenen aussetzt und sich unter konsequenter Umgehung medialer Zwischeninstanzen an die grauenhaftesten Unglücksorte dieses Erdballs begibt, ist kein Kriegsreporter, sondern Schriftsteller. Unter dem trügerisch märchenhaften Titel Blut im Schuh hat die Andere Bibliothek ein Dutzend von - zuvor überwiegend in der Zeit publizierten - Reiseberichten zusammengestellt, die ihn an so heimelige Orte wie Haiti, Sierra Leone, Liberia, Algerien, Ruanda oder Kambodscha geführt haben.

Die Berichte werden von vier theoretischen Abhandlungen "über die Grenzen von Journalismus und Literatur" ergänzt, in denen Buch aus den Werken von literarischen Vorgängern und Vorbildern wie Goethe, Tolstoi, Lessing oder Stendhal Gedanken über Krieg und Frieden und die Darstellung von Gewalt aufnimmt und an seiner eigenen Tätigkeit misst und weiterentwickelt. Lessings Beobachtung, dass "auswegsloses Leiden kein Mitleid erregt, sondern Abscheu", hat Buch nach seiner Rückkehr aus Krisengebieten bestätigt gefunden: "Die Stirn meines Gegenübers legte sich in schmerzliche Falten, sobald meine Frage auf die Frage ,Wie war's in Ruanda? Wie war's in Kambodscha?' länger als zehn Sekunden dauerte und mehr beinhaltete als ,furchtbar' oder ,schlimm'. Offenbar überforderte das, was ich mitzuteilen versuchte, meine Zuhörer, deren Phantasie nicht ausreichte um sich hineinzuversetzen in ein Flüchtlingslager oder Minenfeld."

Bemerkenswert an Buchs lebensgefährlichem Lebensprojekt ist, dass er diese Reisen, die auf den ersten Blick eine Haltung der festen Entschlossenheit zu verraten scheinen, aus ihm selbst nicht restlos klaren Motiven unternimmt. Eine Reihe möglicher Beweggründe, die man ihm leichthin zuzuschreiben geneigt ist, schließt er ausdrücklich aus: Weder liege ihm an der Erklärung "der Ersten, Zweiten, Dritten oder Vierten Welt", noch wolle er zur Entsendung von Eingreiftruppen aufrufen, Medienschelte betreiben oder ein politisches Manifest verfassen.

Eher versteht Buch sein Unternehmen als einen Selbstversuch, ein "naives Unterfangen" des Sichaussetzens, das in der Extremerfahrung zu neuen Einsichten kommen will. Das gelingt ihm auch überzeugend, weil er als Schriftsteller nicht den professionellen Zwängen des journalistischen Metiers ausgesetzt ist und eine Wahrnehmungsweise an den Tag legen kann, die es ihm möglich macht, auch unangenehme eigene Gefühle zu thematisieren. In Sierra Leone wird er Zeuge, wie mehrere Krieger einen Fünfzehnjährigen mit einem Messer blutig verletzen - und Buch nimmt entsetzt wahr, dass er sich in diesem Moment "am liebsten an der Folterung des jungen Mannes beteiligt hätte. In einem unkontrollierten Augenblick brach die Barbarei hervor unter dem dünnen Firnis der Zivilisation."

Und auch wenn Buch Erkenntnisse über das Funktionieren von Politik und Medien nicht ausdrücklich anstrebt, sind sie in seinen Reportagen doch reichlich zu finden. Indem er etwa die Fallhöhe auslotet, die "zivilisierte" Gesellschaften von vollkommen verunglückten trennen, beschreibt er ein Entartungspotenzial, das jeden nachdenklich machen sollte, der über ein Mindestmaß an politischer Sensibilität verfügt. Desgleichen zeigt Buch auf, dass das Grauen oft viel mehr in der Kombination belangloser Nebenumstände mit dem Schrecklichen liegt als im Schrecklichen alleine. In diesem Sinn bedauert er es auch, dass die "große Reportage" mit ihrer atmosphärischen Schilderung von Zeit und Ort im deutschen Sprachraum immer eine unterentwickelte journalistische Gattung geblieben und einem Faktenfetischismus zum Opfer gefallen ist: "Das Pressearchiv hat einen höheren Stellenwert als der Augenschein vor Ort."

Eine Warnung zuletzt: Wer sich von diesem Buch wohliges Gruseln über das Elend der Welt aus sicherer Distanz verspricht, läuft Gefahr, von diesem Elend unsanft eingeholt zu werden. Geschichten wie die des elfjährigen algerischen Buben, dem eine Gewehrkugel das halbe Gesicht weggerissen hat, und der Arzt werden möchte, um anderen Kindern das zu ersparen, was er selbst durchmachen musste, rücken dem Leser näher zu Leibe, als ihm lieb sein kann.

Blut im Schuh ist ein verstörendes Buch - so verstörend wie das, was wir "Wirklichkeit" nennen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, Christoph Winder)

Hans Christoph Buch, Blut im Schuh. Schlächter und Voyeure an den Fronten des Weltbürgerkriegs. € 28,30/öS 390,-
330 S. Eichborn Verlag
Frankfurt am Main 2001.
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