Konrad Lorenz scheidet zunehmend die Geister

13. Jänner 2002, 09:01
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In der Wissenschaft herrscht Unklarheit über Motivation und Lorenz' Rolle bei SS-Forschungen

Wien - Zu Lebzeiten war der Verhaltensforscher und Nobelpreisträger Konrad Lorenz eine unangefochtene Ikone österreichischer Wissenschaft. Mehr als ein Jahrzehnt nach seinem Tod scheidet vor allem seine Rolle im Nationalsozialismus zunehmend die Geister. Das zeigte sich einmal mehr bei einer Diskussionsveranstaltung an der Universität Wien am Donnerstagabend in Wien.

Dass Lorenz Texte und wissenschaftliche Aufsätze verfasste, ist spätestens seit dem im Vorjahr erschienenen Buch "Die andere Seite des Spiegels - Konrad Lorenz und der Nationalsozialismus" (Czernin-Verlag Wien) von Benedikt Föger und Klaus Taschwer auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Umstritten ist in der österreichischen Wissenschaftsszene, was die Motivation Lorenz' für seine Aussagen war.

Unklare Rolle

Für Michael Hubenstorf vom Institut für Geschichte der Medizin ist unbestritten, dass Lorenz nicht nur Texte mit nationalsozialistischem Gedankengut verfasst hat. Er habe auch während seines Militärdienstes in Posen an einem rassenpsychologischen Projekt teilgenommen, dieses sei in direkter Zusammenarbeit mit der SS abgelaufen. Unklar sei allerdings bis heute, welche Rolle Lorenz bei diesen Forschungen gespielt habe. Hubenstorf regte an, vor allem diesen Umstand weiter zu untersuchen.

Dass sich der Nobelpreisträger auch in späteren Jahren nie von seinem nationalsozialistischen Ideen verabschiedet hat, beweist für den Historiker das 1973 erschienene Buch "Die acht Todsünden der zivilisierten Menschen". Auch darin seien "Nazi-Töne" enthalten. Für Hubenstorf ist die Causa Lorenz bei weitem nicht nur ein geschichtliches Problem. Da sich einige biologische Disziplinen - etwa Human- und Kulturethologie sowie die Evolutionäre Erkenntnistheorie - auf Lorenz berufen, müssten auch diese durchleuchtet werden. Bisher hätten die Erkenntnisse über Lorenz' Nazi-Vergangenheit jedenfalls keine Folgen für diese Forschungsrichtungen gehabt, bemängelte der Wissenschafter.

Vom rechten Eck ...

Für Karl Grammer vom Ludwig Boltzmann-Institut für Stadtethologie ist es bedenklich, dass damit ganze Forschungsrichtungen "ins rechte Eck" gedrängt werden. Die Verhaltensforschung habe sich vor allem in den vergangenen Jahren enorm weiterentwickelt, die Methoden hätten mit Lorenz' Herangehensweise an die Dinge nicht mehr viel zu tun.

Für den Verhaltensforscher John Dittami vom Institut für Zoologie der Universität Wien war Lorenz ein Opportunist, der die "Gunst der Stunde" nutzte, um von den nationalsozialistischen Machthabern in Deutschland ein Betätigungsfeld für seine Forschungen zu erhalten. Dittami gab sich überzeugt, dass der Nationalsozialismus die wissenschaftlichen Aussagen Lorenz nicht gefärbt hat.

Den Kritikern der ganzen Disziplin der Verhaltensforschung hielt Dittami entgegen, dass Lorenz "weder der erste noch der letzte Verhaltensforscher" war, auch sei er nicht "der Vater der Verhaltensforschung". Diesen Namen habe er dank seiner Popularisierung und Schauspielerei von der Öffentlichkeit erhalten.

Mitchel Ash vom Institut für Geschichte der Universität Wien warnte davor, die Diskussion über Nationalsozialismus und Wissenschaft auf einige weniger Namen wie Konrad Lorenz oder Heinrich Gross zu konzentrieren. Dies berge die Gefahr, dass die Verstrickung von anderen Wissenschaftern und Wissenschaften - nach österreichischer Art - "gemütlich vertuscht" würden. (APA)

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