Gerangel und Geziere mit langer Tradition

9. Jänner 2002, 19:34
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Nur ein Bayer schaffte es bisher, Kanzlerkandidat der Union zu werden: Franz Josef Strauß

München/Berlin - Der Kölner Kardinal Joseph Höffner, der sich mit einem Brief an den bayerischen Ministerpräsidenten und CSU-Vorsitzenden wandte, fand mahnende Worte: "Die Auseinandersetzungen der Christlich Sozialen Union und der Christlich Demokratischen Union machen auch die Bischöfe und viele Christen in unserem Land äußerst besorgt. Seit langem werde ich, zunehmend in den letzten Tagen, bedrängt, den Unionsparteien die Vermittlung der Kirche anzubieten." Sein Schreiben beendete der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz mit den Wünschen: "Gerade in diesen Tagen flehe ich um die Gaben des Heiligen Geistes, damit die richtigen Entscheidungen getroffen werden."

Das war 1979. Auch damals stritten sich ein Bayer und ein CDU-Politiker um die Kanzlerkandidatur: Franz Josef Strauß und der niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht. Da die beiden Kontrahenten keine einvernehmliche Lösung finden konnten, kam es im Juni 1979 zur Kampfabstimmung in der gemeinsamen Bundestagsfraktion, die Strauß für sich entschied. Die Bundestagswahl 1980 verlor der bayerische Ministerpräsident allerdings und führte dies darauf zurück, dass ihn die CDU nicht ausreichend unterstützt habe.

Genau das fürchtet auch sein politischer Zögling Edmund Stoiber, der diese Zeit als CSU-Generalsekretär an Strauß' Seite miterlebt hat. Diese Erfahrung mag Stoiber lange Zeit davon abgehalten haben, sich als Kandidat aufstellen zu lassen, zumal seine Kontrahentin Angela Merkel die Vorsitzende der Schwesterpartei ist. Strauß konnte dagegen auf die Unterstützung des damaligen CDU-Chefs Helmut Kohl bauen, der Albrecht zum Verlieren vorgeschickt hatte.

Kohl war bereits bei der Wahl vier Jahre davor als Herausforderer von Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) gescheitert. Damals hatte Strauß im Duell um die Kandidatur gegen Kohl den Kürzeren gezogen. Strauß hatte seinen Anspruch 1975 nicht offiziell aufgegeben, verzichtete aber doch auf eine Kraftprobe mit Kohl und der CDU. In einem Kommuniqué beharrte die CSU darauf, eigentlich über den besseren Kandidaten zu verfügen. Dieses Verfahren versuchen CSU-Strategen in diesen Tagen auch der CDU nahe zu legen. (afs, DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 10.1.2002)

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