Land im Mief

8. Jänner 2002, 18:26
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Es ist doch alles ganz klar: Das Gesetz ist er; vor ihm sind alle gleich - warum soll also sein Drang, Ordnung zu schaffen, dem hohen Verfassungsgerichtshof in geringerem Maße zuteil werden als den unwürdigen Redaktionsstuben? In diesen soll in Zukunft - wenn er etwas zu reden hat - weniger gelogen werden, in jenem soll unwürdiges Verhalten ein für allemal ausgemerzt werden durch Zurechtstutzen der Unwürdigen auf das ihnen zustehende Maß.

Das ist umso einsichtiger, als beides auf dasselbe hinausläuft: Kritik an ihm, sei es in medialer, sei es juristischer Form, ist unzulässig, weil im Widerspruch zum Führerprinzip, nach dem er seine Partei seit Jahren führt. Dort hat er erreicht, was dem Land noch bevorstehen soll: Wenn er gesprochen hat, ist höchstens noch zustimmendes Gemurmel erlaubt - wie es etwa jetzt von Vizekanzlerin und Justizminister abwärts zu vernehmen ist; schon demonstratives Kuschen könnte als Unbotmäßigkeit ausgelegt werden und bei der nächsten Mandatsverteilung Folgen haben. Auf die Idee, man könnte einmal auch Rückgrat zeigen, kommt dort längst keiner mehr.

Man muss sich nicht erregen, das alles kommt ja nicht überraschend. Jörg Haider hat in frühen Schriften wie "Die Freiheit, die ich meine" schon vor Jahren keinen Zweifel daran gelassen, wie die Freiheit aussieht, die er meint. Überraschender ist da schon das plötzliche Ersterben jener Stimmen im öffentlichen Diskurs, die denen, die Haider gelesen und beim Wort genommen haben, mit all der intellektuellen Wucht, derer sie fähig waren, davon abrieten, ihn auch ernst zu nehmen. Eine Art Kasperl sei er doch nur, der auf sich aufmerksam machen wolle, aber nichts ernst meine von dem, was er da so daherrede. Ihn für die Demokratie zu retten, dürfe man ihn nur nicht ausgrenzen. Erst Ausgrenzung mache ihn gereizt und gleichzeitig attraktiv für ein der Altparteien müdes Publikum.

Als dann die Ausgrenzung vor zwei Jahren ein Ende hatte, ward Domestizierung versprochen. Endlich einmal in Verantwortung eingebunden, könne er gar nicht anders, als unter der sittlichen Ausstrahlung des Bundeskanzlers zum seriösen Demokraten zu reifen. Und wann immer die Strahlkraft Schüssels keine Wirkung zeigen wollte, traten jene auf den Plan, die das Volk - gelegentlich sogar philosophisch überhöht - zu überzeugen suchten, unter der alten Koalition wäre doch alles viel schlimmer gewesen, jetzt wehe wenigstens ein frischer Wind. Gelassene Geister, allzeit bereit, sich selber kühles Blut und kühne Gedanken zu bestätigten, hatten Hochkonjunktur, wenn sie weniger kurzsichtigen Zeitgenossen Neigung zur Hysterie vorwarfen.

Und gerade jetzt, wo die Öffentlichkeit ihrer Auslegungen des Geschehens dringend bedürfte, ist Zuversicht betretenem Schweigen gewichen. Schade, man hätte sich mehr erwartet, rein intellektuell. Denn längst hat sich das Ausgrenzungsgerede als jener Unsinn erwiesen, als der es auch vorher durchaus erkennbar war, wenn man erkennen wollte: Nie war Haider in der Opposition so ausgegrenzt, wie er sich jetzt mit Veto- und Ortstafelpolitik aus einer Regierung ausgrenzt, die er selber möglich machte, um sich in seiner altgewohnten Rolle noch wirksamer produzieren zu können: Jetzt lässt er auch noch einen Bundeskanzler im Domestizierungswahn zappeln.

Der frische Wind, den eilfertige Wendeapostel zu verspüren meinten, hat sich nur zu bald als stickiger Mief über das Land gelegt. Mit dümmlichen Verharmlosungsversuchen wie, früher sei auch vieles im Argen gelegen, lässt sich das nicht mehr wegfächeln. Nach der Wende im ORF schon gar nicht.

(DerStandard,Print-Ausgabe,9.1.2002)
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